Leidensfähige Franzosen

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Quelle: Flickr / Zoom/Pied la Biche

Für Frankreich ist die WM 2010 schon einige Tage vorbei und die Skandale der Equipe Tricolore werden unsere Nachbarn noch einige Zeit beschäftigen.

Generell scheinen sich die Franzosen gern mit der Vergangenheit  zu beschäftigen – selbst wenn sie mit schmerzhaften Erinnerungen verbunden ist.

Das „Collectif Pied De La Biche“ – was als Kollektiv Brechstange übersetzt werden kann – hat sich wohl deshalb an die Aufarbeitung des 82er Halbfinales gemacht.

Vor 63.000 Zuschauern spielte eine französische Elf, die mit Kapitän Michel Platini einen der besten Spieler der Welt im Team hatte und insgesamt schönen technischen Fussball spielten. Dennoch ging das deutsche Team durch ein Tor durch des damals 22-jährigen Pierre Littbarski mit 1:0 in Führung und Frankreich gelang in der regulären Spielzeit nur noch der Ausgleich durch Platini per Foulelfmeter.

Das Spiel ist aber vor allem durch eines der übelsten Fouls in der WM-Geschichte in Erinnerung geblieben. Der französische Verteidiger Patrick Battiston lief allein auf das deutsche Tor zu. Keeper Toni Schumacher stürmte aus dem 16-Meter-Raum und trat den Gegenspieler böse um.

Battiston soll kurze Zeit bewusstlos gewesen sein. Er erlitt eine Gehirnerschütterung, hatte Wirbelverletzungen und verlor zwei Zähne. Schumachers Foul wurde vom Schiedsrichter nicht geahndet, obwohl der Spieler vom AS Saint-Étienne in der 60. Minute ausgewechselt werden musste. Schumacher äußerte sich nach dem Spiel zu dem Vorfall mit den Worten: „Dann zahl‘ ich ihm seine Jacketkronen.“ Für die französischen Medien war er fortan nur noch der „hässliche Deutsche“.

Diese schlimmer Szene war ein Teil eines Spieles, dass bis heute als Nacht oder als Thriller von Sevilla bezeichnet wird.

Quelle: Flickr / Zoom/Pied la Biche

Besonders verdient hat das Spiel, das auch die FIFA als Klassiker der Fussballgeschichte sieht, diesen Titel vor allem durch eine spektakuläre Verlängerung und ein ereignisrecihes Elfmeterschießen.

Frankreich ging durch Tore von Tresor und Giresse in Führung und sah wie der sichere Sieger aus. Dann glichen der eingewechselte Karl-Heinz Rummenigge und Klaus Fischer noch aus. Rummenigge artistisch, Fischer einmal mehr per Fallrückzieher.

Das Elfmeterschießen musste entscheiden.

Quelle: Flickr / Zoom/Pied la Biche

Die letzten 15 Minuten hat das „Collectif Pied De La Pied“ exakt nachgespielt. An unterschiedlichsten Orten wurden die Fernsehbilder zu Originalkommentar nachgestellt und sowohl Spieler als auch Schiedsrichter und Offizielle werden in ihrer Haltung genau imitiert. Aber nicht einfach in einem Fussballstadion, sondern an verschiedensten Orten in der französischen Industriestadt Villeurbanne: im Park, auf dem Parkplatz, auf der Straße.

Man sieht im zweigeteilten Bildschirm links zum Beispiel den völlig erschöpften Uli Stielike wie er sich ein paar Schluck Wasser in den Mund kippt, um sie direkt wieder auszuspucken. Und rechts ein Darsteller, der zwar völlig andere Kleidung trägt und mit Brille und voller Haarpracht nicht im entferntesten an den Karo-Liebhaber erinnert, aber dank exakter Filmaufnahmen ein gelungener Doppelgänger ist.

Das Video startet mit einigen Kommentaren von Zuschauern der Dreharbeiten und wird dann gemischt mit den Originalkommentatoren des französischen Fernsehens. Eine unglaubliche Fleißarbeit, die sich aus meiner Sicht mehr als gelohnt hat.

Mal schauen, ob sich das „Collectif Pied De La Biche“ – das auch ein paar Bilder als „Making Of“ anbietet – jetzt auch einiger Pleiten aus der jüngeren Vergangenheit annimmt. Muss ja nicht das gehasste Team von 2010 sein, kann ja auch die geschlagene Mannschaft von 2006 sein. Dann muss sich nur ein Materazzi-Darsteller finden.

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