Blattkritik: 11 Freunde Bundesliga Sonderheft

Zunächst kann man das Titelblatt des Saisonmagazins der “11 Freunde” gar nicht genug loben. Einfach eine fantastische Idee, dass Beatles Cover zu “Sgt. Pepper´s Lonely Hearts Club Band” mit Jungs und Mädels aus dem Fußballzirkus nachzubauen. Statt Marlene Dietrich, George Bernard Shaw und Karl Marx blicken einen Katja Kraus, Mike Hanke und Michael Ballack an. Da ist es auch egal, wenn Thorsten Frings und Michael Skibbe doppelt zu finden sind (Die Pilzköpfe waren auf ihrem Cover schließlich auch doppelt zu sehen, Shirley Tempel sogar drei Mal). Besonders Jupp, Loddar und Gerry wissen zu gefallen und die Frankfurter Diva Amanatidis sorgt bei jedem Blick für ein Schmunzeln. Top!

Original.

Danach wird es im Heft leider semi-witzig, wenn Buchtitel mit dem “passenden” Bild zusammengebracht werden. Die Bilder allein hätten schon gewirkt. Auch die Kalauer mit den individualisierten Sponsorenwänden und die Abbildung der Logos anderer Fußballigen gefielen mir nicht. Vor allem weil das neue Logo der Bundesliga nicht ordentlich aufs Korn genommen wurde.

Fälschung.

Die Serie “Zu unrecht vergessene Fußballspieler” kann hingegen gern ausgeweitet werden. Nur müssen dann die richtigen Schlüsse gezogen werden: Bernhard Hermes sieht eindeutig wie der Herr Papa von Michael Thurk aus – und nicht wie Berti Vogts. Und Franz Josef Hörnig scheint spanische Wurzeln gehabt zu haben: das süffisante Lächeln erinnert arg an Raul.

Zu den Texten: Der Artikel “Sonnig und warm in Karlsruhe” spricht für den radioaffinen Reese ein interessantes Thema an: die erste Bundesliga-Sendung der öffentlich rechtlichen. Die ganzen politischen Umstände hätten aus meiner Sicht nicht so ausführlich behandelt werden müssen. Vielmehr hätte mich die “Torquotientenregelung” interessiert, die den Meidericher SV trotz eines 4:1 Sieges nicht zum ersten Spitzenreiter gemacht hat.

Und was der Autor gegen die Musik der ersten Sendung hat, kann ich nicht verstehen. Billy Sanders oder Billy Mo sind doch viel angenehmer als das, was WDR oder NDR heutzutage zu ihren Bundesliga-Konferenzen anbieten.

Da hab ich oft das Gefühl, dass die Macher gern Stücke spielen, die nur ihnen gefallen, weil sie wissen, dass die Hörer während der Bundesliga-Konferenz nicht wegschalten. Insgesamt ein lesenswerter Artikel mit wunderbaren Fotos.

Was bei dieser ersten Radioübertragung – die ja kaum einer nachhören kann – funktioniert, wirkt bei der Beschreibung des YouTube-Videos von Bernhard Brink mit Blau-Weiß 90 Berlin nicht. Wirkt wie ein fix dahin geschriebener Artikel, der auch ohne große Recherche geschrieben werden kann. Da guck ich lieber das Video und mach mir meine eigenen Gedanken zu diesem bizarren Auftritt:

Zu loben sind dann die Interviews zum FC Bayern, mit Thomas “young coach from germany” Tuchel und den Spielerfrauen (die drei beweisen, dass man seine Kinder zwar Dakota nennen und trotzdem einen distanzierten Blick auf das Fußballgeschäft haben kann – dazu wissen sie, dass man den Mann nicht eine halbe Stunde vor Spielbeginn anruft, um sich zu beschweren, dass er die Spülmaschine nicht ausgeräumt hat).

Das Porträt von Deniz Aytekin weiß zu gefallen wie auch die Fotos der “Stillen Stars” von Ragnar Schmuck. Ebenfalls ein Plus für die Schuhstory und das Schaubild der Bundesliga GmbH und Co. KGs. Ein schöner Blick ins Handelsregister und ich hoffe ihr klärt noch mal auf was die Schalke Goalsky Ag und Bielefelds Planet Arminia GmbH sind.

Beim SC Paderborn gibt es (nach dem Schaubild) keine eingetragenen Geschäftsverbindungen. Vielleicht hat der SC da Nachholbedarf. Schließlich war der Stadionneubau eine unendliche Geschichte. Leider fließt dieses Beispiel einer – nennen wir es – unglücklichen Bauplanung nicht in den Artikel “Das war in der Höhe nicht absehbar”. Trotz dieses Fehlens gelingt Markus Scheele ein ausgezeichneter Bericht.

Dann schickt ihr noch einen Koffer auf Deutschlandreise. Man sieht den Koffer – beklebt mit allen Vereinslogos – und freut sich, dass zu jedem Verein eine Geschichte gebracht wird. Das lässt sich auch gut an mit einem Stopp bei Bastian Reinhardt und auch der Text aus der Presseabteilung des SV Werder … äh … von Arnd Zeigler lässt sich gut lesen. Dann aber geht es beim vierten Halt auf Schalke zu einem schwachen Text mit einer Aneinanderreihung Gelsenkirchener Meister und bevor es nach Köln geht ist auch schon ein Leverkusen Sticker auf dem Köfferchen.

Um es kurz zu machen: hier war ich schon enttäuscht, dass nicht alle Vereine besucht wurden. Habt ihr früher auch geschafft. Solltet ihr wieder hinbekommen.

Die Besuche in den Vereinskneipen – wenn auch auf das Ruhrgebiet beschränkt – sprechen dann eine deutliche Sprache gegen alles umfassende Rauchverbote und die Berichte zu den Zweitligaclubs (Fortuna, MSV, 1860, KSC, Union, Osna und FSV) haben Charme. Hier fehlt dann allerdings mehr als die Hälfte der Liga. Das ist in einem als “Bundesliga Sonderheft” markierten Magazin ärgerlich.

Die 3.Liga wird dann geflissentlich ausgelassen. Dafür wird das Leid der Regionalligisten thematisiert. Ärgerlich nur, dass für die Regionalliga-Story ein Aufmacher-Foto des Hockey-Clubs (!) HTC Stuttgarter Kickers verwendet. In der Story wird dann “vom Degerloch” berichtet. Degerloch ist ein Stuttgarter Stadtteil, der HTC ein Hockey-Club und bei den Kickers auf der Anlage ist die Tristesse noch nicht ganz so royal. Ansonsten trifft Felix Meininghaus den richtigen Ton und ich hoffe, dass die “11 Freunde” ihre Berichterstattung zur möglichen Regionalliga Reform ausweitet. Wo wenn nicht in diesem Magazin kann überregional über das Leid der Traditionsvereine berichtet werden?

Teil 2 Eures Heftes findet man, wenn man es umdreht. Der Rückblick auf die WM mit Tagebuch von Tim Jürgens und Dirk Gieselmann liest sich zwar sehr schön und man nickt das ein oder andere Mal, weil man sich über genau jene Sportjournalisten und -berichterstattung aufgeregt hat.

Aber auf der anderen Seite fehlt dann in diesem Magazin der Fußball in Afrika auch völlig. Da sollte man sich dann doch erst mal an die eigene Nase fassen, bevor man andere kritisiert.

Als Ausgleich gibt es ganz starke Bilder der WM und den Live-Ticker, zurecht ausgezeichnet. Starke Emotionen mit heftigem Augenzwinkern zum Nachlesen.

Ach und dann ist da noch Günter Hetzer. Nun gut. Wer´s mag.

Zum Abschluss komme ich noch auf mein persönliches Highlight bei der Bundesliga-Ausgabe zu sprechen. “Meine Saison 2010/2011″ bringt auf 200 Seiten viel Freude. Und da muss man an dieser Stelle einfach mal die Artdirektion (Sabine Kornbrust), die Gestaltung (Yvonn Barth & Eike Wohlgemuth) und die Fotoredaktion (Pamela Spitz & Julia Spitczok von Brisinski) loben. Die Aufteilung macht einfach Sinn, ist schön übersichtlich anzuschauen und die Fotos sind der Hammer.

Seien wir ehrlich: die Fotos in Kicker und Sport Bild von den aktuellen Teams sieht man gern. Früher waren sie auch wichtig, weil man in diesen Heften die neuen Trikots das erste Mal gesehen hat. Heutzutage bekommt man die Trikots während des Sommerpause schon über das Internet gezeigt und die Mannschaftsfotos sind schon bei der Auslieferung der Hefte nicht mehr aktuell.

Ich habe mich auf jeden Fall sehr über den 96-Halbkreis, die Nürnberger auf dem Bierwagen und Gladbacher Fohlen im vernagelten Tor gefreut. Dazu ist es herrlich wenn man zum Beispiel bei Schalke lernt, dass Thon, Skibbe, Dierßen und Junghans mal in einer Mannschaft gespielt haben oder dass der VfL Osnabrück in der Saison 74/75 wohl die Farben des Sponsors als Trikotfarbe gewählt hat.

Meriten, Fehltritte und Nischen, Ausblick und der Blick auf die Mannschaft (Neu in der Stadt, Trainer, Emotional Leader, Skandalnudel) sind meist lesenswert. Fakten und Spielplan, Rückblick auf die letzten 10 Spielzeiten und Bilanz bringen die nötigen Informationen, Zitate regen zum Schmunzeln an (“Am besten, wir sperren Robben im Mannschaftsbus ein. Dann kann er keinen Unfug mehr machen.” Christian Gentner)

Auf die Fische hätte ich persönlich verzichten können, weil die Herleitungen oft ungestüm sind. Dafür finde ich die “Zweite Meinung” von Bloggern oder von langjährigen Begleitern der Vereine oft interessanter als die Einschätzung vermeintlicher Experten. Die besondere Innensicht der Fans wird hier meist transportiert, nur einige Fanbeauftragte, Stadionsprecher und Buchautoren fallen negativ auf.

Schön, dass hier alle Erst- und Zweitligisten Platz finden – Die Verwechslung von Bornheimer Hang und Bieberer Berg beim FSV Frankfurt ist natürlich sehr ärgerlich.

Schade, dass die 3.Liga auch hier sehr kurz kommt. Die Graphiken hinten sind zwar nett – ich hätte allerdings lieber mehr über die Vereine gelesen und natürlich noch mehr alte Fotos angucken wollen.

Fazit:  Den “11 Freunden” gelingen in weiten Teilen äußerst lesenswerte Hefte. Ärgert man sich vielleicht, weil der eigene Verein nicht besucht wird, so wird man im kleineren Beiheft mit vielen alten Fotos beglückt. Mancher Artikel, manche Graphik wirkt fix zusammengeschustert, um das Heft zu füllen – aber insgesamt wird zum Preis von 4 €uro 90 ein sehr gelungenes Magazin-Paket geboten.

P.S.: Danke für die Einladung zur Blattkritik. Dienstag 11 bis 11 Uhr 30 war allerdings ein bisserl unglücklich terminiert. Ich mach das dann jetzt immer hier. Hatte ich eh vor. Ihr könnt ja einfach vorbeikommen. Twenty-Four-Seven sozusagen…

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