Zeuge Hannovas II: Prognosetage

Der DFB-Pokal. Traum vieler mittelmäßiger oder zweit- bzw. drittklassiger Vereine einen Titel zu gewinnen oder sich zumindest die Aufmerksamkeit für einige Tage zu sichern, wenn man eine Pokalsensation gelingt oder vielleicht das Viertel- oder gar das Halbfinale erreicht.

Die hohe Kunst der Floskelschule wird bemüht und der Fan des Bundesligisten fährt mit viel Zuversicht zum Auswärtsspiel in das kleine Stadion des vermeintlichen Davids. Oft über hunderte Kilometer. Für 96-Fans hießen die Reiseziele in den letzten Jahren: Dresden, Ahlen, Halle und Trier. Meist würgte man sich noch durch Runde 1 bevor dann auf Schalke oder in Nürnberg Schluß war.

Im letzten Jahr in Trier blamierten sich die „Roten Riesen“ aber bis auf die Knochen als man trotz einer 1:0 Führung durch Jan Rosenthal gegen den Basler-Club verlor.

Hannover hielt danach die Klasse, Eintracht Trier nicht und Mario Basler und Jan Rosenthal mussten sich andere Arbeitgeber suchen.

Blickt man zurück auf das Ausscheiden 2009, dann erkennen die Medien gerne Parallelen. Doch ein Kraftakt wie letztes Jahr oder gar spielerischer Fortschritt wird dem Team nicht zugetraut. Am Ende sehen die Medien beim Blick in die Glaskugel 96 dieses Jahr oft als Abstiegskandidaten Nummer 1.

Ein Überblick:

Spiegel.de (Autor Christoph Biermann):

Franz Beckenbauer hat einst so schön gesungen: „Echte Freunde kann niemand trennen.“ Doch dieses Lied werden sich Mirko Slomka und Jörg Schmadtke auf keinen Fall gemeinsam anhören, denn Trainer und Manager von Hannover 96 sind einander in klarer, gegenseitiger Abneigung verbunden. Beide sind sich nur darin einig, dass es in dieser Saison mit dem Klassenerhalt ganz eng wird.

Das liegt daran, dass die Spieler nicht gut genug sind, meint Slomka. Schmadtke wird ihm zwar neue kaufen, ist aber der Ansicht, dass der Trainer den Spielern auch mal was beibringen sollte: taktisches Verhalten etwa. Ein schöner Streit ist das, saftig und prall. Der Stoff aus dem man Abstiege macht.

Gefühlte Platzierung: 18

Sportal.de (Autor: Tom Broocks):

Bevor überhaupt der Ball im ersten Pflichtspiel im Pokal rollte, sagte Slomka desinteressiert folgenden Satz: „Aktuell geht es schon darum, die Klasse zu halten.“  Slomka ahnte nicht umsonst Böses. In Hannover fehlt es in dieser Saison nicht nur an Geld und damit an Qualität im Kader, auch die Zweckgemeinschaft Slomka und Schmadtke wird bald erste Opfer fordern. Der große Wunsch nach Ruhe bleibt somit unerhört.

Nach der Pokalpleite beim Regionalligisten Elversberg gab es dafür erste Kostproben. Slomka forderte unmittelbar nach Abpfiff vor laufenden Kameras Verstärkungen für die Offensive: „Das kann er ja bei einer Niederlage gegen Frankfurt machen, aber doch nicht, wenn man gegen einen Viertligisten ausscheidet“, kritisierte Club-Boss Martin Kind den unprofessionellen Auftritt.

Zudem wird der Aderlass bei den Leistungsträger und Säulen des Teams – Hertha BSC lässt grüßen – aus der letzten Saison (Hanno Balitsch, Arnold Bruggink und Jiri Stajner) nicht zu kompensieren sein. Und so fiel es sportal.de nicht schwer, Hannover 96 als ersten Anwärter auf den 18. Platz festzulegen.

Bild.de (Autor: „Mario Basler):

Bei 96 erlaube ich mir den ganz schnellen Abwasch. […]

Hannover schafft es mit Ach und Krach in die Relegation. „Ach“ ist der Sportdirektor Schmadtke, „Krach“ der Mirko Slomka. Die beiden sind wie früher Ossis und Wessis. Zwischen denen fehlt nur noch die Mauer.

Warum? Die verstehen sich so gut – so gut wie gar nicht! Im Trainingslager haben sie sich ein Spiel angeschaut. Der Slomka thronte im VIP-Bereich, der Schmadtke hockte auf der Tribüne. Kommunikation? Null! Und die wollen zusammen in der Bundesliga bestehen…

Immerhin: Neuzugang Carlitos wird für Furore sorgen. Als Schwalbenkönig! Der fällt noch schneller als Jarolim vom HSV.

Noch so ein Ganove ist der Schlaudraff. Der sitzt jetzt im Mannschaftsrat. Wie er das gemacht hat? Kein Scherz: der hat im Trainingslager seine Kollegen zum Schnitzelessen eingeladen und wurde deshalb zum neuen Führungsspieler gewählt. Prost, Mahlzeit…“

Marca.com (Autor: Ángel Liceras)

„DESCENSO
1. Friburgo 2.11
2. St. Pauli 2.19
3. Nuremberg 2.40
4. Kaiserlautern 2.54
5. Hannover 2.55
6. Colonia 3.48″

Spreeblick.com (Autor: Frédéric Valin):

Mirko Slomka, Jörg Schmadtke und Martin Kind, das ist ein trio infernale, und keines der guten Sorte. Die drei verstehen sich wie Vanilleeis mit Sauerkraut, und es ist vorstellbar, dass sie sich zu Arbeitsbeginn nicht mit dem traditionellen „Guten Morgen“ begrüßen, sondern einander ein herzliches „Me, you, fuck! Fuck!“ zurufen. Der Kader ist inzwischen so dünn wie Schmadtkes Haarpracht, im Sturmzentrum werden wir wieder häufiger Mike Hanke sehen, der eine Institution ist und so unbeweglich wie das Finanzamt. Ein Glück, dass es ein paar Manschaften gibt, die noch dringender wieder gegen Osnabrück und Oberhausen spielen wollen.
Prognose: Vierzehnter.

Spox.com (Autor: Thomas Jahn):

Die Zeiten, in denen Dieter Hecking die Europa Leauge als Saisonziel ausrief, sind in Hannover offiziell beendet – nicht nur, weil Hecking inzwischen den 1. FC Nürnberg trainiert. Klubchef Martin Kind peilt eine Platzierung zwischen Rang 10 und 13 an. Doch selbst diese bescheidene Prognose erscheint beim Gedanken an die letzte Saison und die wenig überzeugende Vorbereitung gewagt.

Zu viele Fragen stellen sich im Hinblick auf die unberechenbare 96-Truppe. Können Neuzugänge wie Carlitos und Pogatetz schnell Fuß fassen in der Bundesliga? Wie reagiert Florian Fromlowitz auf die Rolle des Gejagten? Hält das allgegenwärtige Verletzungspech der Hannoveraner auch im nächsten Jahr an?

Viel wird zudem davon abhängen, ob die Entschlossenheit im Abstiegskampf der letzten Saison konserviert werden kann, um für Leben in der AWD-Arena zu sorgen. Wenn im unruhigen Hannover Frust aufkommt, wird die mentale Stärke der verjüngten Mannschaft auf eine harte Probe gestellt.

Gerade dann könnte sich der Verlust erfahrener Kräfte wie Balitsch, Bruggink und Stajner rächen. Bei einem verkorksten Start droht das Trauma der Vorsaison wieder aufzuleben und das fragile Gebilde ins Wanken zu bringen. In diesem Fall zählt 96 zu den ersten Kandidaten für den Abstiegskampf.

Sollte es 96 jedoch gelingen einen guten Start hinzulegen, Selbstvertrauen zu tanken und in Ruhe zu arbeiten, ist die von Martin Kind angepeilte Platzierung durchaus drin. Genug Potenzial für das sichere Niemandsland der Tabelle ist theoretisch vorhanden. Dafür aber braucht 96 einigen Rückenwind.

Welt.de (Autor: Die Redaktion):

In der vergangenen Saison hatte die Mannschaft nach dem Selbstmord von Robert Enke ein psychisches Problem. Trainer Slomka hat nicht groß eingekauft, für eine Platzierung zwischen Rang zehn und 15 wird es aber reichen.

Summa summarum wird das für 96 also eine Saison im Tabellenkeller. Für die Herren Biermann, „Basler“ und Broocks brauchen die Roten gar nicht mehr antreten. Weil sich Schmadtke und Slomka streiten. Oder so.

Nun gut. Zu Beginn des Artikels waren wir ja bei ein paar Floskeln. Dann möchte ich hier auch gern eine bemühen, liebe Fußballexperten:

Die Pferde werden erst gezählt, wenn sie in den Stall kommen.

Klingt blöd. Passt aber zu den Prognosetagen. Auf geht´s Hannover: kämpfen und siegen.

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2 Gedanken zu „Zeuge Hannovas II: Prognosetage“

  1. Das aussagekräftigste an den zitierten Artikeln ist wohl am ehesten die Art, wie versucht wird aus dem Saisonbeginn leserorientierte Artikel zu schustern.

    Mal ganz faktisch: Wie sinnhaft ist eine Prognose zu einem Zeitpunkt, an dem sich Teams erst bewähren müssen und noch eine ganze Spielzeit mit Entwicklungen etc. vor der Türe steht?

    Nicht, dass man das nicht diskutieren kann, aber wer hier konkret orakelt, hat wohl am ehesten das Bedürfnis Dinge zu veröffentlichen, an denen ein Kunde hängen bleibt…

    Beste Grüße, Gabriel

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