Linkschau XVI: Stichwort Fanproteste

Bei meinem Bericht zum Wolfsburg-Spiel habe ich bewusst auf das Wort Derby verzichtet. Gegen diesen Werksclub fühlt sich das irgendwie anders an. Auch viele Kölner sehen Spiele gegen Bayer nicht als Derby an und auch Stuttgarter werden bei Spielen gegen Hoffenheim nicht von einem Derby sprechen – obwohl die Spielorte der Vereine nicht weit voneinander entfernt liegen. Wird ja auch völlig überstrapaziert der Begriff.

Aber es gab am Wochenende richtige Derbys. Eins gab es in Hamburg. Starke Bilder vom Spiel und vom Drumherum hat Stefan Groenveld ins Netz gestellt.

Das andere Derby hat die BBC zum Anlass genommen, Fankulturen zu vergleichen (Wer den Bericht bis zum Ende liest wird auch noch mit einer BBC Reportage zum Kop in Liverpool belohnt.). Vor allem die Proteste deutscher Fans (z.B. Kein Zwanni für nen Steher! oder Kleine Gruppe) sind für die Engländer ungewöhnlich – aber zu erklären:

Simon Chadwick, professor of sport business strategy and marketing at Coventry University, goes as far to suggest a link between German fans‘ desire for collective action and Germany’s success in reaching the semi-finals in the 2010 World Cup.

„The Germans have a sharp sense of democracy and of the rights of people to openly express their views,“ said Chadwick. […]

„Interestingly too, despite German ‚openness‘ and democracy, ultimately, German society operates on the basis of consensus rather than unilateral action. As a footnote to this, I don’t think British people have the same notion of consensus or collective action that the Germans do.

„I guess, in many ways, what happened in the summer at the World Cup is a microcosm of the differences between Germany and England. The group, the team, is always more important than a series of individuals. Moreover, I don’t think the British, as a society, have the same strongly defined sense or acceptance of direct action as the Germans.“

Beängstigend ist die Preisspirale, die in England schon unverschämte Eintrittsforderungen zur Folge hat. Deutschland steht da noch am Anfang. Deshalb wird am 9.Oktober in Berlin demonstriert. Hier die musikalische Einladung von Credo:

Den Organisatoren von Pro Fans, BAFF, Unsere Kurve und von verschiedensten Fan- und Ultraszenen geht es in diesem Jahr vor allem um Einschränkung von Fanutensilien, Anstoßzeiten, Kommerzialisierung, Stadionverbote, die Datei Gewalttäter Sport und Polizeiliche Einsatztaktik.

Das klingt nach den üblichen Forderungen, aber ein Zusatz verspricht auch eine entscheidende Änderung im Verhalten der Fans:

Aber auch wir Fans müssen auf unserer Seite Versäumnisse und Fehler einräumen. Eine jetzt einsetzende selbstkritische Diskussion über die eigenen Handlungsweisen hätte schon viel früher einsetzen müssen. Dies müssen wir ganz klar eingestehen. Parallel zu einer Diskussion über die erwähnten Probleme, denen wir Fans ausgesetzt sind, muss jetzt innerhalb der verschiedenen Fanszenen eine selbstkritische Reflexion der eigenen Handlungsweisen stattfinden und Konsequenzen haben. Wir sind uns bewusst, dass Freiheit auch Verantwortung mit sich bringt.

[…] Diese Demo soll auch ein Zeichen an uns Fanszenen sein!
Wir möchten betonen, dass wir weiter auf Dialog setzen wollen. Wir sind ein Teil des Fußballs und wollen, dass man uns zuhört und uns ernst nimmt.

Mehr Infos zur Aktion gibt es auf Erhalt-der-Fankultur.de und in einer Unterstützer-Gruppe auf Facebook.

In diesem Zusammenhang sei auch an die Initiative Football Against Racism in Europe (FARE) erinnert. Vom 14.-26. Oktober untertützt FARE europaweit Aktionen die sich gegen Rassismus oder Homophobie richten. Noch bis zum 23.September können sich Aktionen bewerben und auf finanzielle Unterstützung hoffen.

NACHTRAG:

Auch in England wird protestiert. Die Fanvereinigung “The Spirit of Shankly” setzt sich gegen die Besitzer George Gillet und Tom Hicks ein. Liverpool ist hoch verschuldet und gestern ist erneut ein Versuch gescheitert, das Loch zu stopfen.

Beim nächsten Spiel an der Anfield Road sollen alle Anhänger des Liverpool FC gegen die derzeitigen Besitzer protestieren.

Sie berufen sich auf den ehemaligen Trainer des Liverpool, Bill Shankly, und haben ein Zitat von ihm zum Leitsatz erhoben:

„The socialism I believe in is everyone working for each other, everyone having a share of It’s the way I see football, the way I see life.“

Beim Spiel gegen den Sunderland AFC soll über die volle Spielzeit gegen die Besitzer gesungen werden. Nach dem Schlusspfiff sollen die Shankly-Anhänger auf die Tribünen setzen und weiter protestieren. Auch eine Wiederholung der Aktion im Heimspiel gegen Blackpool ist angedacht, um die Ziele der Liverpool Supporters Union zu erreichen: ein Mitbestimmungsrecht für die Fans und das Herausdrängen der amerikanischen Investoren aus dem Verein.

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