Der nächste Gegner: Wolfsburger Wundertüte – Teil I

Platz 12 nach dem 20. Spieltag und ein meckernder Trainer. Da konnte Dieter „Ich war noch nie ein großer Freund von Winter-Transfers“ Hoeneß nicht anders und nahm die 35 Millionen aus dem Dzeko-Transfer vom Konto und ging auf Einkaufstour.

Dieter „Wir achten schon vermehrt auf Spieler, die schon Deutsch sprechen oder sich mit dem Erlernen der Sprache leichter tunHoeneß wurde natürlich auch fündig. Er verpflichtete sechs Spieler mit sechs unterschiedlichen Nationalitäten. Einer davon ist immerhin Muttersprachler, der andere hat schon einmal in Deutschland gespielt.

Trotzdem kann man sich der Frage von Sergio Pinto anschließen, der sagte:

„Auf einmal holen sie sechs Spieler. Ist da eine Strategie dahinter? Ein Konzept?“

Hier nachzuhören:

Diese Frage zu beantworten fällt schwer. Aber man kann sich mit den Einzelspielern beschäftigen. Zu diesem Zwecke hab ich Experten für drei der Spieler gefunden, die die Profis aus ihrer Sicht beschreiben und einordnen. In einem eigenen Beitrag werde ich dann später versuchen die anderen drei Spieler zu portraitieren und einzuordnen.

Der teuerste Transfer war der von Patrick Helmes. Jens Peters schreibt in seinem Catenaccio-Blog vorwiegend über Bayer Leverkusen. Sein Fazit über die Zeit des „Nationalspielers“ bei Bayer könnte man wohlwollend als durchwachsen bezeichnen:

Auf Patrick Helmes rumzuhacken, fällt dieser Tage leicht. Der Stürmer hat sich in Leverkusen nicht mehr durchsetzen können, war nicht kritikfähig und hat zuletzt eher durchwachsene Leistungen gezeigt.

Auf dem Platz fällt Helmes in die Kategorie „Phantom“ mit dem eiskalten Abschluss, jedoch ist ihm bei einem Freizeitkick vor anderthalb Jahren das Kreuzband gerissen und damit sein Superheldenkostüm abhanden gekommen. Helmes und Heynckes hört sich gut an, klappte aber irgendwann nicht mehr und deshalb ging der Spieler dieser Tage nach Wolfsburg.

Es ließe sich jetzt noch weiter darüber philosophieren, ob der Weg des geringsten Widerstands, der beste Weg für einen „Nationalspieler“ ist, aber lassen wir das. Schließlich wird Helmes wohl kaum das DFB-Trikot an den Nagel hängen, nur weil er mal nicht nominiert wurde und daraufhin die Staatsbürgerschaft wechseln.

Für Wolfsburg ist es eine Chance. Speziell wenn Helmes wirklich nur, die in der Presse kolportierten 5 Millionen Euro Ablöse gekostet hat. Vielleicht versteht er sich mit Diego und Grafite. Vielleicht versteht er sich mit dem Trainer. Vielleicht versteht man ihn auch mal und vielleicht muss er einfach wieder 2-3 Tore schießen um an die Leistungen seiner 21-Tore-Saison 2008/2009 anzuschließen. Da gehörte er zu den wenigen Leistungsträgern in einer unerfahrenen Leverkusener-Labbadia-Mannschaft, die noch aus den internationalen Rängen fiel.

Tja. So bleibt der Patrick also in der Erinnerung von Jens Peters: als das Phantom, dem sein Superheldenkostüm abhanden gekommen ist.

Transfer Nummer 2 der Wolfsburger ist ein „alter Bekannter“: Jan Polak. Der tschechische Mittelfeldspieler war beim 1.FC Nürnberg unter Vertrag. Alexander Endl und seine Kollegen von „Clubfans United“ zuckten zunächst zusammen als meine Anfrage kam, „aber nicht „weil da was war“, sondern weil man wenig sagen kann“. Alexander hat es trotzdem gewagt und seine Gedanken zu Jan Polak in Worte gefasst:

Der Clubfan verfolgt mit einem Auge natürlich auch die Werdegänge seiner Ex-Spieler, auch wenn dies mitunter mit wechselnden Motiven geschieht. Beim einen hofft man, dass man sich vielleicht doch noch mal wieder sieht
(Vittek), beim anderen schmunzelt man eher, wie er es denn nur wieder geschafft hat, ausgerechnet da einen Vertrag zu bekommen (Charisteas) – andere hat man als großes Talent kommen und gehen sehen und fragt sich, was wohl aus dem wird – Misimovic ist so einer oder aber auch Jan Polak.

Jan Polak war eigentlich ein ungewöhnlicher FCN-Transfer, aber es war auch eine ungewöhnliche Zeit. Der Club ist eigentlich nicht bekannt für die „großen“ Transfers und große Transfers beginnen eigentlich schon ab 1 Mio.
aufwärts. Einen Spieler wie Polak für kolportierte 1,5 Mio. von Slovan Liberec zu holen, war also eigentlich ein Riesending.

Dass Polak dann nicht so in die Annalen der Clubgeschichte einging, obwohl er in der besten Saison der jüngeren FCN-Geschichte immerhin über 30 mal am Feld stand, lag an einem großen Schatten, der ihm schon in der
Nationalmannschaft folgte und beständig auf ihn fiel: Tomáš Galásek. Vielleicht sinnbildlich das DFB-Pokal-Finale, wo ein Klasse-Mann wie Polak auf die Bank musste und erst zum Zug kam, als sich Mintal in der 34. Minute so tragisch verletzte. – So war es nicht wirklich überraschend, dass sich die Wege 2007 trotz dieser so erfolgreichen Zeit wieder trennten.

Mit Polak ging ein Querkopf, einer, der Reizpunkte setzte – wie man das so schön formuliert. Fußballerisch war der defensive Mittelfeldspieler hochbegabt, hatte in Nürnberg nur das Problem einen Mann wie Galásek vor sich zu haben. Die Trennung erfolgte als Polak, der eigentlich bleiben wollte, auch in der Vorbereitung nur als Backup von Hans Meyer eingesetzt wurde. Das in allen Belangen lukrative Angebot von Anderlecht machte dann allen den Abschied leichter, auch wenn der Transfer bei Fans und im Umfeld nicht unumstritten blieb.

Sportlich war die Trennung in der Rückbetrachtung wohl tatsächlich ein Fehler, denn Galásek konnte (wie die gesamte Mannschaft) die Leistung des Vorjahres nicht bestätigen, man geriet in einen Abwärtsstrudel und landete
desaströs in Liga 2. Ob der Niedergang des da amtierenden Pokalsiegers mit Polak zu verhindern gewesen wäre, ist zwar müßig zu diskutieren, sein Weggang könnte aber einer der Schlüssel gewesen sein für den Absturz, denn
die Mannschaft galt danach einfach als zu nett und brav um sich im Abstiegskampf durchzubeißen oder das Ruder herumzuwerfen.

Dass Polak nun wieder bei einem ambitionierten Verein wie Wolfsburg landet, wundert nicht – eher schon, warum er so lange bei Anderlecht geblieben war. Als Charakterkopf hat Wolfsburg sicher einen guten Einkauf gemacht,
sportlich sicher auch – allerdings fehlt dann doch die Kenntnis der belgischen Liga, um seine Entwicklung wirklich einschätzen zu können. Die Clubfans wünschen ihm alles Gute!

Nach Medienberichten soll Polak am Samstag in der Startformation der Wolfsburger auflaufen. Neben ihm wird noch mit einem weiteren Neuzugang gerechnet: Tuncay Sanli. Der Mann, der vom Premier League Club Stoke City in die Bundesliga wechselte ist einigen sicherlich aus der türkischen Nationalelf bekannt. Sidan Arslan, Autor des Blogs „El-Fútbol„, kennt ihn noch besser und glaubt, dass er das Zeug zum Publikumsliebling hat:

Bei uns drüben in der Türkei gibt es alle paar Jahre wieder einen jungen, einheimischen Spieler, der bei einem der drei Großen aus Istanbul über längere Zeit auf sich aufmerksam macht und schnell von Medien und Fans zum großen Hoffnungsträger des nationalen Fussballs aufgebaut wird, der so schnell wie möglich ins Ausland wechseln und die Türkei bei einem großen europäischen Verein vertreten soll. Aktuell nimmt diese Rolle Arda Turan von Galatasaray ein, sein Vorgänger war Tuncay Sanli, der 2007 den Sprung von Fenerbahce zu Middlesbrough nach England wagte.

Bei Boro setzte er sich nach kurzer Eingewöhnungszeit durch, wurde Publikumsliebling und machte in zwei Jahren solide 16 Buden. Und dann…wechselte er zu Stoke City. Sogar Stoke-Coach Tony Pulis klang damals bei der Verpflichtung überrascht: „Wir sind sehr froh über diesen Transfer, denn an Tuncay waren einige größere Vereine interessiert.“ Unter anderem sollen sich damals Chelsea und Liverpool erkundigt haben, Tuncay wollte aber ziemlich viel Geld und unterschrieb daher bei Stoke, da dort seine Forderungen am ehesten erfüllt wurden.

Nach dem Wechsel jedenfalls geriet er etwas aus dem Blickpunkt und auch ich habe seitdem eher wenig von ihm gehört und gesehen, denn..nunja, er war bei Stoke City. Jedenfalls kam er dort in zwei Jahren nie so recht zum Zug und kam meistens nur von der Bank.

Vom Spielertyp her ist er ein Allrounder, der so gut wie jede Offensivposition spielen kann, in Wolfsburg aber sicher auf den Flügeln agieren wird. Er ist dynamisch und technisch solide, weiß sich im Eins-gegen-Eins durchzusetzen und ist beidfüßig. Dazu ist seine Spielweise der feuchte Publikumstraum: er rennt sich die Lunge aus dem Leib, ackert und grätscht, er bejubelt seine Tore so ekstatisch wie ein junger Inzaghi, er reißt alle mit. Als die Türkei im entscheidenden Gruppenspiel der Euro 08 gegen die Tschechen das 0:2 kassierte und die Spieler kollektiv die Köpfe hängen ließen, sprintete Tuncay 70 Meter nach hinten und holte die Kugel aus dem Netz. So isser halt.

Stoke war ein Fehltritt, in Wolfsburg soll nun das Comeback ins Rampenlicht folgen. Tuncay ist inzwischen im besten Fussballeralter und hat jetzt die Chance, sich noch einmal in einer starken Liga zurückzumelden. Wenn er an die Vor-Stoke-Ära anküpfen kann, wird er sich sicherlich durchsetzen. Eins ist sicher: wer auch immer aktuell der Fanliebling in Wolfsburg ist, hat einen großen Konkurrenten bekommen.

Tuncay löste übrigens einst bei ZDF-Kommentator Thomas Wark Begeisterungsstürme aus. In seinem Kommentar zum Spiel Österreich gegen die Türkei meinte er, dass er „einen Tuncay gegen 11 Österreicher tauschen würde„. Vielleicht sollte man diesen Satz vor dem Spiel Emmanuel Pogatetz stecken – auch wenn er bei Tuncays Dreierpack nicht dabei war.

Pogatetz kennt Tuncay auch ganz gut. Beide standen zwei Jahre zusammen in Diensten vom Middlesbrough Football Club.

Im Spiel wird es Pogatetz aber eher mit Dieudonné Mbokani zu tun bekommen – wenn der 25 Jahre alte Stürmer aus dem Kongo denn zum Einsatz kommt. Mbokani, bei dem es zunächst Probleme mit dem richtigen Vornamen gab, Koo Ja-Cheol, bei dessen Wechsel schon von einem „Koo-Handel“ gesprochen wird und Yohandry Orozco, der in Venezuela schon als neuer Maradona gehandelt wird, stelle ich in einem weitern Artikel in Kürze vor.

An dieser Stelle herzlichen Dank für die Einschätzungen von Jens Peters vom Catenaccio-Blog, Alexander Endl von den „Clubfans United“ und Sidan Arslan, Autor des Blogs „El-Fútbol„.

Besucht die Blogs der drei. Allesamt sehr lesens- bzw. sehenswert.

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6 Gedanken zu „Der nächste Gegner: Wolfsburger Wundertüte – Teil I“

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