Zeuge Hannovas: Festtage an der Leine und an da Lusien

Donnerstag Abend. Heimspiel in Hannover. Ausverkauftes Niedersachsenstadion.

Alkoholfreies Bier. Keine Stehplätze. Aber das ist egal, denn Hannover 96 wird zur Hymne der UEFA Europa League den Rasen betreten.

Das wird dann der Moment sein, von dem ich in der berauschenden vergangenen Saison geträumt habe. Nun gut, das mit der Hymne war eher eine Spinnerei als 96 noch im Zweikampf mit Bayern München um Platz 3 steckte, aber ich bin froh, dass auch für die Europa League eigenes Liedgut komponiert wurde, um das Spiel mit feierlichem Rahmen einzuläuten.

Es ist schließlich ein großes Fest für die “Roten” mit den schwarz-weiß-grünen Fahnen. 19 lange Jahre ist es her, dass 96 im “Pokal der Pokalsieger” ausgerechnet (nie war diese überstrapazierte Kommentatorenvokabel berechtigter als in diesem Fall) auf den Titelverteidiger Werder Bremen traf, der sich dann knapp durchsetzte.

Zum Glück wäre ein solches Aufeinandertreffen heute nicht mehr möglich und 96 muss nicht in den Pott nach Gelsenkirchen reisen. Vielmehr erwartet man einen Gegner von internationalem Format. Der FC Sevilla ist zunächst zu Gast an der Leine und eine Woche später wird Andalusien seine schwarz-weiß-grüne Invasion erleben.

Trainer Ralf Rangnick feiert mit seinem Co-Trainer Mirko Slomka den Aufstieg in die Bundesliga.

Festtage an der Leine” hieß 2002 ein Buch über die Geschichte von Hannover 96. Damals feierte man in Hannover den Aufstieg in die 1.Liga – mit dem Co-Trainer Mirko Slomka. Wenn man jetzt auf die 10-Jahres-Tabelle der Bundesliga schaut, dann sieht man, dass 96 seit dem Aufstieg der einzige Aufsteiger in die höchste deutsche Spielklasse ist, der sich dauerhaft etablieren konnte.

Der Einzug in den Europapokal deshalb eine logische Folge? Mitnichten.  Zuviele Fans erinnern noch die beiden Jahre in der Regionalliga als man nach Delmenhorst, Herzlake oder Nordhorn musste. Zu lang war die 13 Jahre währende Erstligaabstinenz. Zu tief waren die Täler die man auch noch in der 1.Liga durchschritten hat. Zu schmerzhaft war der Abschied von Robert Enke, um jetzt so zu tun als ob die Qualifikation für das internationale Geschäft zu erwarten war.

Die letzte Saison war nach dem bitteren Ausscheiden im DFB-Pokal ein einziger Rausch. Die Mannschaft hat – getragen von euphorisierten Anhängern – einen nicht für möglich gehaltenen 4.Platz erreicht. Die beiden Spiele gegen Sevilla sind deshalb der verdiente Lohn für eine Mannschaft, die an 34 Spieltagen alles gegeben hat und allen Unkenrufen zum Trotz überragendes geleistet hat. Und es ist auch der Lohn für ein Publikum, das in den bittersten Stunden des Vereins immer hinter der Mannschaft stand, um mit über 10.000 Roten in Bochum den Abstieg zu verhindern.

* * *

Heute Abend wird im Stadion keiner an die Fünfjahreswertung denken. Die allerwenigsten werden böse sein, wenn sich kein fußballerischer Leckerbissen entwickelt. Und keiner wird seine Karte für das Rückspiel zurückgeben, wenn das Hinspiel schlecht verlaufen wird.

Hannover 96 freut sich über einen – vielleicht allzu kurzen – Auftritt in der Europa League. Vielleicht ist in einer Woche schon alles vorbei und das Interesse am Zweitplatzierten der Bundesliga erlischt wieder. Aber was hoffentlich bleiben wird für die Spieler, die Verantwortlichen und die Fans von Hannover 96, das sind die Erinnerungen an Festtage an der Leine und in Andalusien.

Und wer weiß: vielleicht schaffen die Roten die Sensation und setzen sich gegen den spanischen Favoriten durch. Ich für meinen Teil bin vorsichtig optimistisch. Darauf ein “Oi! Oi! Eu!


 

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