Debütantenball in Duisburg: Trainer Baades Drama Queens

Manchmal lohnt er sich ja, der weiteste Weg. Selbst wenn das Ziel eine zerrockte Kellerbar nahe des Duisburger Hauptbahnhofs ist. An einem Donnerstag Abend.

Etwa vierzig, fünfzig andere sehen das genauso. Sie wollen hören wie ein Fußballnerd seine Beobachtungen teilt. Zwei Mal fünfundvierzig Minuten sind angekündigt und am Ende fragt man sich: wo ist die Zeit geblieben?

Er erzählt vom verkrüppelten Fußballtrainer, der einst den Riedle abgrätschte, jetzt Jungs um den Platz rennen lässt und sonst nichts mehr hat. Er erklärt das “Bullshit Bingo Bundesliga“. Er entführt in die Kindheit, wo vorsorgliche Mütter ihre Kinder mit Hagebuttentee vor dem Erkältungstod retten.

Man kennt einige der Texte schon, hat sie am Bildschirm gelesen. Aber es ist etwas komplett Anderes, ob man mittags zwischen zwei Terminen oder müde am Abend konsumiert oder ob man in diesem alten Club mit 70er Jahre Tapete an den Wänden einen Trainer mit Emphase, mit wohl gewählten Pausen oder mit ironischem Unterton lesen hört. Die Nervosität hat er fast über die komplette Spielzeit im Griff, jeder Text wird mit verdientem Applaus bedacht und man ist immer wieder erstaunt über die Beobachtungsgabe des Autors.

Dazu gibt es ein kurzes Quiz mit Buchgewinn (Günter Netzer hat wirklich nur 37 Länderspiele gemacht!), Zitate vom Abschiedsspiel Oliver Kahns, Reisewarnungsirrsinn anno 2006 und in der Halbzeitpause Fußballer-Werbebotschaften von “Kraft auf den Teller“-Beckenbauer über “Litti Power“-Littbarski bis hin zu “Kleister“-Klopp.

Der Abend mit den „Drama Queens in kurzen Hosen“ kann also ohne Zweifel als gelungenes Debüt bezeichnet werden. Und da “debütieren” ja ursprünglichdas offizielle Vorstellen von jungen Mädchen vor der Gesellschaft, üblicherweise im Rahmen eines Balls” bezeichnete, kann man hier den Autor ohne Umschweife als “in die Gesellschaft aufgenommen” erklären. Nicht nur weil die Lesung unter einer riesigen Discokugel (bei Bällen üblich!) abgehalten wurde, ist Trainer Baade spätestens jetzt als Teil der Gesellschaft der Fußballkulturschaffenden zu bezeichnen. Als Kulturschaffender gilt er seit seiner 1.Lesung “also als erwachsen und heiratsfähig” – sprich: eine Buchveröffentlichung wäre wünschenswert.

Bis dahin schließe ich mich vielen an, die den den Blog “Trainer Baade” jedem Fußballfan empfehlen, denn nicht ohne Grund haben die “11 Freunde” ihn als “Bestes Fanmediumausgezeichnet (Da ist das Ding!).

Und wenn der Trainer das nächste Mal zur Lesung lädt, dann sollte man sich aufmachen. Auch an einem Donnerstag. Auch nach Duisburg. Der weiteste Weg lohnt sicht.

Zeuge Hannovas: Schwarzbrot-DFB-Pokal oder der Bayern-Kater

Mittwoch Abend in Hannover. Endlich mal wieder ein Heimspiel im DFB-Pokal und trotzdem kommen nur 30.100 Zuschauern. Das liegt sicherlich an den vielen Highlights, die sich für 96-Fans in diesen Wochen im In- und Ausland bieten. Trotzdem sieht das natürlich komisch aus, wenn man bedenkt wie groß die Chance war, dass man nach vier Jahren endlich mal wieder in das Achtelfinale hätte einziehen können.

Und man hatte das Gefühl, dass neben den 96-Fans auch die 96-Spieler ein Problem hatten sich in Schwung zu probieren. Es war nicht die lauffreudige, agile Mannschaft, die den Bayern so viele Probleme bereitet hatte. Es war von der ersten Minute an ein behebiger Auftritt. Dazu kamen viele Abspielfehler und Unkonzentriertheiten.

Es war über die komplette Spielzeit nicht besonders schön anzusehen – und da schließe ich Mainz 05 mit ein. Ich würde sogar so weit gehen, dass Choupo-Moting der beste 96er war.

Mainz hatte Großchancen die der junge Malli (8.), Caligiuri (27.) und Choupo-Moting (57.) recht freistehend vergaben. Zwischendrin fiel Ujah noch durch eine dumme Schwalbe im Strafraum auf. Wäre er durchgelaufen, hätte er eine klare Einschsschance gehabt.

96 hatte eine Mehrfachchance in der 23. Minute, nach dem Seitenwechsel traf Stoppelkamp zunächst den Ball nicht richtig, so dass Wetklo ebenso parieren konnte wie gegen Abdellaoue. Beim Schuss von Stindl aus 14 Metern reagierte der Keeper dann richtig strak. Bei Pintos Lattenschuss musste der Torwart dann nicht eingreifen.

Es war ein klassisches Null-zu-Null-Spiel, das eigentlich keinen Sieger verdient hatte. Das schöne an KO-Spielen ist aber, das eine Entscheidung her muss. Beim Kick an diesem Mittwoch Abend wollte aber wenig Euphorie aufkommen. Zu zäh war das Gebotene. Leider kein fußballerischer Leckerbissen, eher trockenes Schwarzbrot.

Kurz nach Wiederanpfiff, den sky-Kommentator Mallwitz wie nach jedem Spielbeginn mit den Worten “Mainz in den weißen Trikots begleitete”, trafen die Gäste. Cherundolo hatte Ivanschitz aus den Augen verloren, Zieler das kurze Eck nicht zugemacht und so traf der Österreicher zum 0:1. In der Folge versuchte 96 es weiterhin, aber so richtig wollte es nicht laufen. Pässe über kürzeste Distanzen kamen nicht an. Flanken verschwanden im Nirvana.Ein “Torschuss” landete im Seitenaus. Gefährlich wurde es noch ein Mal nach einer verunglückten Flanke von Stoppelkamp. Fathis abgefälschter Schuss landete knapp neben dem Tor.

96 versuchte es zuletzt mit langen Bällen in Richtung Mainzer Tor. In der allerletzten Situation sprang Fathi ziemlich unnötig Stindl über den Haufen. Schiedsrichter Brych pfiff Elfmeter. Es war so wohl das kürzeste Elfmeterschießen in der Geschichte des DFB-Pokals, denn nachdem Didier Ya Konans schwacher Schuss in die Mitte von Wetklos Fuß abgewehrt worden, beendete des Schiedsrichters Pfiff das Spiel.

Es war ärgerlich. Schade, dass Schlaudraff schon ausgewechselt worden war. Schade, dass Abdellaoue sich den Schuss nicht zutraute – aber vielleicht blieb 96 so eine Elfmeterschießen-Blamage wie einst in Nürnberg erspart, denn im Spiel lief insgesamt so wenig, dass ich keine fünf sicheren Schützen hätte benennen wollen.

Die gesamten 90 Minuten fühlten sich an wie ein schwerer Kater nach einer durchzechten Nacht. Vielleicht war die Schulterklopferei und die Diskussionen nach dem Sieg gegen die unschlagbaren Bayern zu stark. Vielleicht fehlte die Motivation. Vielleicht war das Team kaputt. Oder die Spieler erwischten einfach mal einen kollektiven Ausfall, der trotz des Willens der Akteure nicht abzuwenden ist.

Man mochte den Mainzern eigentlich gratulieren, die in diesem Duell zweier müder Kämpfer den Tick entschlossener wirkten, aber was Thomas Tuchel, der schon während des Spiels durch irren Blick und wirre Wutanfälle aufgefallen war, nach dem Spiel abzog, führte doch zu Kopfschütteln. Er zeigte sich als schlechter Gewinner indem er den Schiedsrichter wegen des Elfmeterpfiffs anging. Unnötig zu sagen, dass das Sympathien kostet. Über solche Aktionen möchte man den Deckmantel des Schweigens legen wie über das gesamte Spiel.

Für Hannover 96 geht es am Samstag in Gladbach weiter. Heimstärke gegen Auswärtsschwäche. Es wäre also wichtig endlich mal wieder zu null zu spielen.

 

 

 

 

Pyro? Legalize it!

Vor dem Spielbeginn Hannover 96 gegen Bayern München ging die Polizei mit Schlagstock- und Pfeffersprayeinsatz im Fanblock vor ist. Im sonst gut gefüllten Oberrang blieben danach viele Plätze leer.

In den Diskussionforen (wie bei das-fanmagazin.de) geht es seitdem heiß her. Videos werden gepostet (Sicht: von oben / von unten), Erlebnisberichte geschrieben und vor allem wird nach Schuldigen gesucht. Auch die Medien sind  auf das Thema aufmerksam geworden – leider arbeiten sie – wie so oft – am Sündenbock-Prinzip ab und fallen durch Unkenntnis und Pauschalurteile auf, wenn sie versuchen ein schwarz-weiß Bild zu zeichnen, indem klar zu erkennen ist wer schuldig und wer unschuldig ist. Bei der Unübersichtlichkeit von Diskussion, Geschichte und Geschehnissen kaum möglich. Aber Grautöne verkaufen sich nicht so gut wie das Bild vom hinterhältigen Ultra oder vom prügelnden Polizisten.

Der Verein Hannover 96 reagiert auf die Vorfälle mit verstärkten Sicherheitskontrollen in bestimmten Blöcken, deren Nutzen aufgrund der Durchlässigkeit zwischen den Blöcken im Stadion bezweifelt  werden kann. Ein Wort des Bedauerns zu den Verletzten habe ich von Vereinsseite leider nicht vernommen. Stattdessen denkt der Vereinspräsident Martin Kind über eine Preiserhöhung in den Blöcken nach, die durch bengalische Feuer aufgefallen sind. Auch hier wird der Sündenbock gesucht. Die gesamte Fanlandschaft wird in sippenhaft genommen.

Wen man sich in die Diskussion einliest, dann geht einem die ganze Diskussion mit ihren Schuldzuweisungen tierisch auf die Nerven. Diese gesamte Heuchelei von allen Seiten geht mir zumindest dermaßen gegen den Strich:

  • Der DFB mit der ewigen Hinhalterei und dem Versuch die Fanszene für blöd zu verkaufen.
  • Die Fangruppierungen mit der Einforderung ihrer eigenen, selbstdefinierten Anforderungen.
  • Die Polizei mit überzogenen Maßnahmen. Die Medien mit der Unwissenheit, Sündenbocksucherei und Schwarz-weiß-Malerei.
  • Die Politik mit ihrer Scheinheiligkeit.
  • Und die Vereine, die einerseits Emotionen einfordern, andererseits aber nicht den Mut haben sich für die Anliegen ihrer Fans einzusetzen.

Für jeden, der sich mit der Problematik beschäftigt wird schnell feststehen:

  • man möchte nicht, dass – wie bei Fans in Nürnberg geschehen – Zuschauer durch bengalische Feuer verletzt werden.
  • man möchte aber noch weniger, dass durch Räumung eines Blocks vor Spielbeginn völlig unbeteiligte Personen zu Schaden kommen.

(Und ich wage zu behaupten, dass durch solche Einsätze mehr Leute in Mitleidenschaft gezogen wurden als durch das Abbrennen von Pyromaterial.)

Alle müssen erkennen, dass es keinen Weg gibt sämtliches Pyro aus den Stadien fern zu halten, denn Nacktkontrollen sind zum Glück verboten. Es werden immer Leute versuchen heimlich Material ins Stadion zu bringen, um es dann möglichst ohne erkannt zu werden abzubrennen. Das kann zu einer Gefährdung von anderen führen, wenn im Schutze einer Fahne versucht wird die Brennstäbe zu befeuern.

So kann es nur einen Schluß geben: Pyroeinsatz unter Beachtung von Sicherheitsaspekten legalisieren.

Nur so kann ein geregeltes Abbrennen ermöglicht werden. Nur so wird eine Gefährdung anderer verhindert. Nur so können Polizeieinsätze ausbleiben. Nur so kann eine Sippenhaft ausgeschlossen werden. Nur so bleiben Strafen für die Vereine aus. Nur so können Medien, Politik und Funktionäre ihr Gesicht wahren.

Deshalb müssen alle beteiligten Gruppen an einen Tisch finden. Dafür müssen beide Seiten ohne Vorbedingungen in die Gespräche gehen, um Lösungen zu finden, die Fußballfeste mit leuchtenden Choreographien ermöglichen.

P.S.: Eine Aufklärung der Ereignisse muss – wie von der “Roten Kurve” gefordert – unbedingt erfolgen.