Gastfeindschaft trifft Idiotie: Ein Abend in Lüttich

Was macht eine Reise zu einem Europapokalspiel aus? Natürlich geht es in erster Linie, um ein Fußballspiel, aber ganz wichtig ist auch, dass man neue Eindrücke sammelt, andere Städte und Länder kennenlernt.

Die Eindrücke, die die meisten 96-Fans von ihrer Reise nach Lüttich gesammelt haben, beziehen sich leider auf eine An- und Abreise mit einem Bus, eine Niederlage und Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Schon im Vorfeld war klar, dass Hannover 96 nur das Mindestkontingent zugesprochen bekommt. Aus Angst vor randalierenden Besuchern auf dem Lütticher Weihnachtsmarkt wurde dazu eine Anreise mit dem Zug oder Auto untersagt. Lediglich in Bussen sollten sich die 96er nähern.

Am Grenzübergang in Aachen sammelten sich deshalb das gute Dutzend Busse, einige wurden ordentlich gefilzt, andere konnten sich ohne Begutachtung einreihen, um dann im Konvoi mit Polizeibegleitung nach Lüttich zu kommen.

Am Stadion angekommen wurden alle Busse vor dem Gästeblock in einem eingezäunten Bereich abgestellt. Die meisten genossen noch mitgebrachte Kaltgetränke bevor man sich ins Stadion begab. Die Einlasskontrolleure waren nett, einem schönen Europapokalabend stand eigentlich nichts im Wege.

Zum Spiel gab es die – mittlerweile übliche – Pyro-Show im 96-Fanblock. Soweit man es aus dem Block heraus beobachten konnte wurden die Brennstäbe nur in der ersten Reihe gezündet. Eine Gefährdung der Herumstehenden konnte nicht ausgemacht werden. Gegen gesichertes Abbrennen der Fackeln ist also weiterhin nichts zu sagen. Da waren die Tribünen in Lüttich an sich schon viel gefährlicher, denn dank der steilen Ränge und der fehlenden Wellenbrecher segelten alle paar Minuten Zuschauer mehrere Reihen abwärts.

Das Spiel war dann recht bescheiden. Man konnte beiden Mannschaften das Bemühen, um ein erfolgreiches Spiel nicht absprechen. Es gelang jedoch nicht viel. Lüttich traf nach einer Ecke und nach einem Konter. Bei der großen Anzahl von Fehlpässen kam 96 nur selten gefährlich vor das Tor der Belgier.

Nach Abpfiff machte sich im Block dann recht schnell die Nachricht breit, dass Hannover trotz der Niederlage sicher in der Europa League  überwintern wird. Poltawa hatte gegen Kopenhagen Schützenhilfe geleistet. Die Stimmung im Gästeblock war recht ausgelassen. Mehrfach wurde die Tormelodie von Standard Lüttich angestimmt und auch wenn keiner den Text kannte, zeigten sich einige Lütticher begeistert von den Gesängen und blieben noch etwas länger, um dem Treiben zuzuschauen.

Der Abmarsch aus dem Block war dann auch problemlos. Höfliches Ordnerpersonal komplimentierte die letzten Roten aus dem Stadion. Was man dann beim Abstieg zum Ausgang zu sehen bekam war allerdings gewöhnungsbedürftig. Die belgische Polizei war behelmt und mit Schildern und Schlagstöcken in der Hand aufmarschiert. Blau-Rotes Licht machte ob der Dunkelheit einigen Eindruck und Hubschraubergetöse und Reizgas in der Luft sorgten für eine unschöne Szenerie.

Einige Deppen fühlten sich schon durch den Aufmarsch der Staatsgewalt angegriffen und sorgten mit lächerlichem Gepose für ein Aufheizen der Stimmung. Erste Gegenstände flogen in Richtung Polizei. Alles frei nach dem Motto: Wenn es heute keine Keilerei mit den Lüttichern gibt, dann geht ja hier vielleicht was.

Was dann genau den Auslöser gegeben hat für den Einsatz der Polizei ist schwierig zu sagen. In einseitigen Medienberichten heißt es, dass das Öffnen eines Tores Grund für einen nötigen Einsatz war. Fraglich, ob das so stimmt. Es passt nicht ganz zu den zeitlichen Abläufen. Das Auftreten der Belgier war aber aus meiner Sicht übertrieben und sorgte für eine unnötige Eskalation. Zunächst feuerte ein Wasserwerfer eine ordentliche Ladung auf den Parkplatz, wobei natürlich auch viele völlig unbeteiligte getroffen wurden und die Heimreise mit nassen Klamotten antreten mussten. Die Polizisten zogen dann über den Platz und prügelten wild um sich. Dabei wurden wiederum Herumstehende belangt, die vor der Heimfahrt noch Bier und Zigarette im Freien genossen. Wer jetzt nicht schnell in seinem Bus verschwinden konnte, der bekam es mit den Schlagwaffen der Polizei zu tun. Teilweise wurde auch in den Bus getreten, was jeglichem gesunden Menschenverstand widerspricht.

Was sich für Szenen zwischen den teils schon anfahrenden Bussen abspielten war gefährlich und man kann von Glück sprechen, dass außer einigen leicht Verletzten keiner zu größerem Schaden gekommen ist. Und hiermit meine ich auch ganz ausdrücklich die belgischen Polizisten, die aus der Masse heraus beschmissen wurden. Es ist absolut unverständlich, wie man eine Flasche oder einen Stein auf einen anderen Menschen werfen kann. Da muss es deutlich an Verstand zu fehlen.

Nachdem sich die Situation wieder etwas beruhigt hatte und alle in ihren Bussen saßen wurden die Reisebusse wieder in Reihe aufgestellt. In Kolonnenfahrt ging es mit Polizeibegleitung Richtung deutsche Grenze. Alle Auf- und Abfahrten wurden von Polizeimotorrädern blockiert und auffahrende Fahrzeuge mit teils haarsträubenden Manövern gestoppt. Zurück in Deutschland hatten dann alle genug von beleuchteten Autobahnen.

Zurück bleibt ein fader Beigeschmack. Nicht nur wegen der Niederlage. Vor allem ist es ärgerlich, dass sich die Stadtoberen von Lüttich noch bestätigt sehen werden. Dabei werden sie nicht einsehen, dass auch ihre Strategie zur “Gefahrenabwehr” Schuld an der Eskalation trät.

Man kann nur hoffen, dass sich die nächste Stadt, die zum Europa League Reiseziel für 96-Fans wird eher an den friedlichen Auftritten in Sevilla, Kopenhagen oder Poltawa orientiert und der Europacup wieder zu einem Erlebnis wird, dass sich nicht nur in Reisebussen, abgesperrten Parkplatzzonen und Gästeblöcken abspielt.

Ich hoffe auf Gastfreundschaft, auf weniger Idioten und auf eine tolle Auswärtsfahrt im Jahr 2012, die schon jetzt den größten internationalen Erfolg der Vereinsgeschichte bedeutet. Vorwärts nach weit!

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