Zeuge Hannovas: Serienmörder, Hurensöhne und Arschlöcher

Es ist einmal mehr begeisternd was das Team von Hannover 96 abliefert. 27 (!) Tore in den ersten sieben Spielen bedeuten die Qualifikation für die Gruppenphase der Europa League, das Weiterkommen im Pokal und einen gelungenen Bundesliga-Saisonauftakt mit vier Punkten, die aktuell zu Platz 3 gereichen.

Es könnte alles sehr schön sein in und um Hannover, aber leider spricht man mehr über eine Fahne, einen Fangesang und eine Aussage als über die famose Rückkehr des Szabolcs Huszti, das wunderbare Comeback des Leon Andreasen oder die Tatsache, dass für 96 in der bisherigen Saison schon 14 verschiede Spieler ein Tor erzielten.

Was ist passiert?

Die „Bild“-Zeitung regte sich nach dem Spiel Hannover gegen Schalke über eine Fahne im Fanblock von 96 auf. Sie zeigt das Abbild des Massenmörders Fritz Haarmann, dessen Lebensgeschichte verfilmt, dessen Konterfei auf Buttons verwendet und dessen Taten besungen wurden:

Die Haarmann-Fahne wurde nicht zum ersten Mal am ersten Spieltag gewedelt, vielmehr ist sie seit Monaten Bestandteil im Fahnenpotpourri der schwenkenden 96-Freunde. Schon 2006 gab es erste Aufkleber und auch einen Doppelhalter.

Präsident Martin Kind ließ sich trotzdem vom Boulevard mit den Worten zitieren, dass manche Fans von 96 nicht „bundesligatauglich“ seien. Diese Meldung der „Bild“ griffen Zeitungen im ganzen Land auf. Die 96-Fans standen wieder im schlechten Licht. Bloßgestellt vom eigenen Präsidenten. Und das völlig unnötig, denn ein Klick zu Wikipedia hätte gereicht, um zu wissen, dass es nicht die 96-Anhänger waren, die Haarmann in Hannover zur Ikone aufbauten. Die Idee hatten schon andere:

  • 1992: Der Wiener Bildhauer Alfred Hrdlicka schuf 1992 einen Haarmann-Fries. Der Ankauf des Werks durch das Land Niedersachsen und die Stadt Hannover zum Preis von 100.000 D-Mark führte zu Protesten unter dem Motto Steuergelder für Massenmörder-Denkmal, die eine bundesweite Medienkampagne verursachten.
  • 2000: Zur Expo 2000 war eine Haarmann-Meile geplant, auf der sich Künstler mit dem Thema auseinandersetzen sollten. Insbesondere war eine Haarmann-Kantine mit dem Angebot von Blutwurst und Sülze vorgesehen. Wegen Protesten kam es nicht zu dem Vorhaben. 
  • 2004: Die Stadtwerke Hannover druckten in ihrem Kundenmagazin die Haarmann-Schleife als Würfelspiel ab. 
  • 2007: Die Hannover Marketing und Tourismus GmbH gab einen Adventskalender heraus. Auf einem Türchen befand sich eine Abbildung von Fritz Haarmann mit Beil.

Und auch danach tauchte Fritz auf den Adventskalendern der Stadt auf. Auch im letzten Jahr. Auch die „Bild“ berichtete.

Danach gab es für 96 das Weiterkommen in den Playoffs zu feiern. In der Nordkurve des NiedersachsenstAWDions wurde nach den Schlagzeilen der vorherigen Tage ein Banner entrollt, das klar Position gegen die Berichterstattung der Boulevard-Zeitung machte:

„Haarmann gehört zu Hannover. Wie Lügen zur Bild.“ (Hier gibt es einen Schnappschuss aus dem Stadion.)

Drei Tage später gab es einen berauschenden Auswärtssieg bei dem die Gastgeber aus Wolfsburg zerlegt wurden. (Ohne Hackebeil!)

Beim VfL stand Emanuel Pogatetz auf dem Platz. Der Österreicher war nach zwei erfolgreichen Jahren in Hannover den Verlockungen der weltweit für ihre Finanzkraft bekannten Stadt an der Aller gefolgt. Natürlich war der Abwehrspieler deshalb den Anfeindungen der mitgereitsen 96-Fans ausgesetzt. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ beschrieb die Vorkommnisse so:

 „Und Pogatetz, der sich und die früheren Mitspieler wie gewohnt wenig schonte, musste sich angesichts der Wolfsburger Niederlage recht kritische Töne der 96-Fans gefallen lassen. In den Hohn und Spott über die VfL-Pleite mischten sich dabei allerdings auch Vokabeln, die der Abwehrspieler nicht verdient hat.“

In der „Bild“- Sprache klingt das Geschehene gewohnt aufgebläht dann so (Hervorhebungen von Bild.de übernommen):

„Hannovers Ex-Verteidiger Emanuel Pogatetz (29), für 2,3 Mio nach Wolfsburg gewechselt, wurde von Chaoten im 96-Fanblock übel beleidigt. Sie skandierten: „Pogatetz, du Sohn einer Hure.“

Zu diesen Chaoten geht Boss Martin Kind deutlich auf Distanz: „Die Sprechchöre sind unterstes Niveau. Man kann sich nur dafür entschuldigen.“

Kind ungehalten: „Ein Teil unserer Fans sind Arschlöcher, nicht Bundesliga- und Europa League-tauglich. […]

Zuletzt hatten Ultras mit ihrer Fahne von Serienmörder Haarmann für Entrüstung gesorgt.

Zunächst muss man ja sagen: natürlich hat der Präsident recht. Wie jeder andere Fußballverein zieht auch Hannover 96 Arschlöcher an. Jede Menge. Und dennoch ist das Urteil – dann auch noch zu einem Reporter dieses Blattes – zu pauschal und mitnichten besser als das Vokabular, das Pogatetz nicht verdient hat.

Dass die „Bild“ dann auch noch den Verweis auf die eigene Berichterstattung zur Haarmann-Fahne macht ist dann nur billig genug für eine Zeitung, die immer den Superlativ oder eben ein Haar(mann) in der Suppe finden muss, um überhaupt noch ein paar Zeitungen zu verkaufen oder Klicks zu generieren. Überhöhung, die zu Fallhöhe führt, oder Aufreger, die möglichst lange befeuert werden können sind das Prinzip des Boulevard. Das sollte Martin Kind kennen und sich dann auch mal auf die Zunge beißen, um an der richtigen Stelle (in Diskussionen bei Fanrunden zum Beispiel) klare Worte zu finden. Weiß doch mittlerweile jeder Jungprofi, dass man Probleme im Fußball am Besten intern klärt. Daran sollte sich gerade der Präsident eines Proficlubs halten.

Durch die Aussagen und die befeuerte Diskussion werden allenthalben Verknüpfungen zwischen dem „Fall Pezzoni“ und den „Sohn einer Hure“-Rufen gezogen. Überraschend, denn martialische Sprache gehört seit Jahren zum Fußball: In Düsseldorf wird der DFB unhöflich geduzt, Dortmund-Sympathisanten müssen an jedem Spieltag ertragen, dass ihr eigenes Lied mit „BVB – Hurensöhne“ gegen sie gewendet wird. Und die Hymne der Gladbacher wird so umgedichtet, dass Steine auf die Elf vom Niederrhein geschmissen werden. Und wie oft Vereinen „Tod und Hass“ gewünscht wird, möchte man gar nicht zählen.

Das muss man nicht gutheißen und es kann auch sein, dass sich einige Menschen durch die sprachliche Abwertung anderer auch bemüßigt sehen sich körperlich mit den  Besungenen auseinanderzusetzen, man soll aber auch nicht so tun als ob hier ein neues Phänomen aufgetreten ist. Schließlich kann keiner erwarten, dass ein Spieler, der zum direkten Konkurrenten aus der Nachbarschaft wechselt noch mit Samthandschuhen angepackt wird. Man sollte deshalb nicht einfach nur das Negative beschreiben, sondern vielmehr an die Kreativität der Fans appellieren.

Denn wie schön wäre es doch, wenn es mehr Gesänge wie „Idrissou spielt Champions League“ gäbe:

Wie schön wäre es, wenn sich Fans von Fußballvereinen durch humorige Gesänge oder charmante Seitenhiebe hervortun würden als durch martialische Anfeindungen und niederträchtige Herabwürdigungen. Hätte sich Martin Kind hingestellt und Verständnis für den Ärger der Fans über den Wechsel des Publikumslieblings gezeigt, dann hätten sicherlich viele eher zugehört, wenn er ein anderes Verhalten gefordert hätte.

So werden wieder Drohkulissen aufgebaut, die in letzter Zeit sicherlich auch zu einer Eskalation geführt haben. Fans fühlen sich durch die Androhung eines möglichen Stehplatzverbotes eingeengt und haben klare Feindbilder entwickelt. Auf der anderen Seite stehen Funktionäre, Politiker und oft auch Journalisten, die nicht wissen wie es ist in fremden Städten im Polizeikessel zum Stadion geführt oder am Stadioneingang wie ein Krimineller durchsucht zu werden.

Um so fassungsloser und aggressiver werden sicherlich viele sein, die lesen, dass der Präsident von Hannover 96 jetzt sogar gegenüber dem Sportinformationsdienst nach Regelungen ruft, die Zuschauer auch ohne endgültigen Beweis aus den Stadien verbannen können:

„Da müssen gesetzliche Normen geändert werden. In Wolfsburg haben 100, 150, vielleicht auch 200 Leute den Spruch minutenlang gesungen. An wen wollen sie da rangehen?“, sagte Kind im SID-Interview und regte an: „Da müssen wir prüfen, inwiefern wir Strafen und Stadionverbote aussprechen können, ohne dass man es im Einzelfall zu einhundert Prozent beweisen kann.“

Wie kann ein sonst so kühl agierender Präsident – der sich sogar als einer der wenigen offiziellen Vertreter zum von Fans organisierten Fankongress in Berlin wagte, um zu diskutieren – so eine Forderung in den Raum stellen kann. es ist als stellte er sich vor einen Grill und kippt einen Eimer Öl ins Feuer.

  • Man kann nur dazu aufrufen, dass nicht alles in den Medien vermengt wird, denn nicht alles was unter die Rubrik „Fans“ fällt, lässt sich mit allen anderen Ereignissen derselben Rubrik verbinden.
  • Funktionäre, Journalisten und Prominente, ebenso wie Polizeigewerkschafter und Politiker sollten sich hüten nach jedem Vorfall automatisch von einer „neuen Qualität“ zu sprechen ohne überhaupt die Hintergründe zu kennen.
  • Außerdem sollte nicht alle Nase lang eine neue Einschränkung, ein neues Verbot oder eine neue Methode zur Täterverfolgung und -bestrafung gefordert werden.
  • Fans sollten inner- und außerhalb der Stadien weniger aggressiv an die Sache herangehen und nicht auf Biegen und Brechen die Durchsetzung eigener Ansprüche fordern und immer wieder gegen Regeln verstoßen. Manchmal muss man einen Schritt zurück machen, um dann zwei Schritte vorwärts zu gehen.

Konfrontation – und das gilt für alle Seiten – war selten ein gutes Mittel, um Probleme zu lösen. Reden, Zuhören und gegenseitiges Verständnis sollten das Spiel, um das es ja (angeblich) allen geht, wieder zu einem Spiel machen.

Dann muss man sich auch weniger über blöde Gesänge oder dummes Geschreibsel ärgern. Dann kann man sich wieder mehr über über fantastische Spielzüge und sensationelle Siege freuen.

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30 Gedanken zu „Zeuge Hannovas: Serienmörder, Hurensöhne und Arschlöcher“

  1. Endlich mal ein Artikel der die Dinge neutral beleuchtet und die Tatsachen nicht verfälscht.
    Dass Herr Kind als Clubpräsident von Hannover 96 auf die Frage der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ , ob die 96-AWD-Hausordnung in Hannover ein Stadionverbot für Leute, die eine Haarmannflagge schwenken hergäbe, antwortet: „Davon gehe wir aus.“ , ist nur ein erneutes I-Tüpfelchen auf der temporären medialen Unsicherheit seiner Person.
    Eigentlich sollte man doch erwarten können, dass ein derartig wichtiger Funktionär und Sprecher des Vereins sich gerade bei rechtlichen Belangen wie Stadionverboten und deren Ursprung eigentlich sicher sein sollte und es nicht nötig hat, das Ganze auf den anonymen Plural abzuwenden, der dazu ebenfalls nicht angemessen informiert sei.
    Ich hoffe, dass es demnächst mal zu einer friedlichen und förderlichen Aussprache zwischen Kind und Fans kommt. Dazu zählt allerdings, dass man vertrauenswürdig ist. Und dafür muss man auch mündliche Versprechen einhalten.

    Schöne Grüße aus der Leinestadt.

  2. Selbst als Braunschweiger kann ich diesem Artikel nur zustimmen. Haarmann wird seit Jahren von der Stadt H als Maskottchen benutzt, so bald so etwas im Stadion auftaucht, ist es moralisch verwerflich. Und in Sachen Fangesängen sind die „Medien“ und auch die Spieler arg dunnhäutig geworden. Natürlich müssen gewisse Sachen nicht sein. Aber man muss daraus auch keine Staatsaffäre machen, wie Kind es getan hat. Der Fußball rückt dadurch völlig in den Hintergrund.

  3. Guter Artikel. Der wichtigste Tipp wurde aber vergessen, obwohl das aus den beschriebenen Ereignissen doch klar gelernt werden kann:

    – man sollte keine BILD-Zeitung mehr lesen!

  4. Pingback: Anonymous
  5. Wenn man Stadionverbote ohne 100% Beweis aussprechen darf, kann ich dann nicht einfach den Trainer der Gästemannschaft „anzeigen“ weil ich „meine gehört zu haben“ dass er einen Balljungen als „Arschloch“ bezeichnet hat? Oder wenn man schon dabei ist, den Präsidenten der „gegnerischen“ Mannschaft?

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