Reeses Sportkultur

Der Fotograf brasilianischer Fankultur

Der Fotograf brasilianischer Fankultur

In weniger als zwei Jahren findet in Brasilien die Weltmeisterschaft statt. Langsam rückt das Land in den Fokus der Medien. Man wird sicherlich in Kürze die Standardberichte über unfertige Stadien und Gewalt in den Städten lesen können. Angst- und Panikmache ist recht und billig, aber eine langfristige Beobachtung leisten sich leider nur die wenigsten – wie sich zuletzt vor dem Turnier im Nachbarland Polen zeigte, dass zwar näher als der Zuckerhut ist, aber weit entfernt von den Redaktionsräumen klammer Medienhäuser.

Zum Glück ermöglicht das Netz einen Blick über den Atlantik. Gabriel Uchida ist Beobachter brasilianischer Fankultur und hat laut Selbstbeschreibung mehrere tausend Bilder gesammelt, die er seit 2009 auf seiner Homepage veröffentlicht. Dank seiner Zustimmung darf ich einige seiner Bilder hier und einige andere auf der facebook-Seite zu diesem Blog veröffentlichen.

Dazu hat Gabriel mir per Mail ein paar Antworten gegeben, die zeigen, dass die Probleme der Fußballfans teilweise ähnliche sind wie hier in Deutschland, denn auch in Brasilien versucht der Verband sich eine bestimmte Art von Fan herauszusuchen, der wenig Ärger macht und es den Funktionären ermöglicht in schicken Stadien den Fußball ohne den “Pöbel” zu genießen.

- Gabriel, wie bist du zum Fotografen brasilianischer Fußballfans geworden?

Ich bin Journalist und ich gehe zu Fußballspielen, seit ich ein Kind war. Im Jahr 2009 ging ich zu einem Spiel mit einigen Freunden von anderen Clubs. Das ist normal hier, weil es Freundschaften zwischen verschiedenen Ultra-Gruppen gibt.

Es hat also nicht mein Verein gespielt und es war einfach eine gute Zeit mit Freunden. So nahm ich meine Kamera mit mir und machte ein paar Bilder von meinen Freunden. Nach dem Match hab ich die Fotos wirklich genossen und mir überlegt, dass ich dafür einen Blog erstellen sollte.

Ich hab das auch gemacht, weil die brasilianische Presse den Kontakt zu Fans vermeidet oder sie wie Mist behandelt.

- Ist es seitdem für dich spannender Fotos von Fußballfans als von Fußballspielern zu machen?

Um ehrlich zu sein mache ich mir nicht besonders viel aus Fußballspielern. Ich kann mich vielleicht an 3 oder 4 Namen von korrekten und interessanten Spielern erinnern. Aber die meisten von ihnen kümmern sich nicht um ihren Club, die Vereinsgeschichte oder das Trikot, das sie tragen. Also warum sollten Anhänger sich so viel Gedanken über die Jungs machen? Außerdem sind Anhänger auch wichtig. Sie sind ein wichtiger Bestandteil des Spiels.

- Wie ist das dann auf den Rängen oder vor den Stadien. Mögen es die Leute fotographiert zu werden oder ist es gefährlich Bilder von den Anhängern zu machen?

Ich würde niemandem raten in Brasilien Fotos zu machen, weil es wirklich gefährlich ist. Ich muss sehr vorsichtig sein, aber mittlerweile wissen die meisten brasilianischen Ultras von meiner Arbeit, weil ich im Grunde der einzige Fotojournalist bin, der jede Woche auf die Zuschauerränge geht. Und ich mache das seit 4 Jahren, so dass die meisten Anführer der Ultragruppen mich kennen. Wir haben eine gute Beziehung zueinander und sie vertrauen mir und respektieren mich.

Das erste, was ich tat, um das Projekt zu starten war auch mit den Ultra-Führern zu sprechen, weil ich im Begriff war, auf ihre Plätze, die Zuschauerränge zu kommen. Jetzt habe ich nur selten Probleme in den Stadien und wenn etwas passiert,  dann sind die Ultras die Ersten, die helfen und mich beschützen.

- Deine Bilder sind tolle Impressionen vom Enthusiasmus und der Begeisterung auf den Rängen. Was mich wundert ist, dass so wenige Frauen zu sehen sind. Ist mein Eindruck da richtig?

Es gibt viel mehr Männer auf den Rängen, aber es gibt auch viele Frauen, die ins Stadion kommen. Selbst in den Ultra-Gruppen sind einige aktiv. Ich glaube also nicht, dass es Sexismus in den brasilianischen Stadien gibt.

Manchmal dürfen die Frauen allerdings nicht zu Auswärtsspielen reisen. Das geschieht aber nur, wenn es sich um eine wirklich gefährliche Reise handelt.

- In zwei Jahren wird Brasilien Gastgeber der Weltmeisterschaft 2014 sein. Gibt es auf dem Weg dahin viele Veränderungen im brasilianischen Fußball zu beobachten?

Ich hasse die WM 2014. Es gibt viel mehr negative Veränderungen als positive. Wegen der WM erleben die Fans mehr polizeiliche Repression und es gibt mehr Gesetze gegen Anhänger. Sie zerstören traditionelle Stadien und die Tickets werden immer teurer.

Unsere Politiker sind für Korruption bekannt, so dass man davon ausgehen kann, dass all die neuen Stadien und Gebäude für die WM wahrscheinlich besser für sie sind als für die normalen Stadionbesucher. Es gibt eine lange Liste schlechter Dinge, die es nur wegen der WM gibt.

Zum Beispiel baut die Regierung ein riesiges Stadion in Amazonien. Aber die haben dort gar keine Clubs, die in den höchsten Ligen spielen. Da gehen im Schnitt etwa tausend Menschen zu den Spielen. Eine weitere traurige Sache, die passiert ist, dass die Regierung einige sehr arme Viertel zerstört, nur um Gebäude für die WM zu bauen. Arme Menschen verlieren ihre Häuser –  nur wegen der WM.

- Das klingt ziemlich schlimm. Glaubst du, dass es auch Änderungen für die Fußballkultur gibt durch die Weltmeisterschaft?

Unglücklicher Weise geschieht  es bereits. Die Tickets sind viel teurer und Ultras ist es verboten ihre Sachen in vielen Stadien mitzunehmen. Behörden versuchen, die “Art” von Menschen, die in die Stadien geht zu ändern. In der Tat töten sie den Fußball wie wir ihn kennen und lieben.

Viel mehr Bilder von Gabriel Uchida gibt es auf seiner Homepage:

Fototorcida.com.br – futebol muito além das quatro linhas”

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2 thoughts on “Der Fotograf brasilianischer Fankultur

  1. sportinsider

    Das erste Foto und Dein Einleitungstext hat mich wie in einen Sog hineingezogen. Beeindruckende Fotos und ein intensives Interview mit nicht alltäglichen Einblicken. Gerne mehr davon. Viel Durchhaltevermögen (auch über das Jahr 2012 hinaus), Freude und gute Ideen auch weiterhin bei Eurer Blog – & Presseschau.

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