Reeses Sportkultur

Tausend Mal Scheiße für das pure Glück

Tausend Mal Scheiße für das pure Glück

Egal ob bei eisigen Schneewehen auf vereisten Stehrängen oder bei Tropenhitze neben 300 Kilo Lebendgewicht bei “Oberkörper frei!” – wir bleiben. Auch bei schier aussichtslosem Rückstand.

Wir haben eine verdammt lange Rückfahrt im überladenen Minibus vor, vier Liter Bier hinter uns und wissen, dass wir bei Verbleib auf dem Parkplatz nach Abpfiff ewig warten müssen. Aber: wir bleiben. Natürlich.

Für einige ist ein Grund für dieses scheinbar irrationale Verhalten die Hoffnung auf ein gellendes Pfeifkonzert nach dem Schlusspfiff für die Dilettanten. Oder wenigstens ein paar wüste Beschimpfungen gen Mannschaft, die sich auf vierzig, fünfzig Meter dem Fanblock nähert und ein zaghaftes in die Hände klatschen auf Stirnhöhe als pflichtbewussten Dank für die Unterstützung andeutet.

“Ob es regnet oder schneit”

Neben dem Fan-Mantra, dass man seine Mannschaft “egal ob es regnet oder schneit” immer bis zum letzten Moment unterstützt, ist der Grund bei vielen auch die pure Angst. Die Angst etwas zu verpassen.

Man will schließlich nicht der Depp sein, der sich in der Halbzeit des Champions League Finales aus dem Stadion verabschiedet, um dann in der Innenstadt von Istanbul nur noch am Fernsehbildschirm eine der größten Aufholjagden der Europapokalgeschichte anzuschauen anstatt den größtmöglichen Triumph des eigenen Lieblingsvereins in einem roten Freudenmeer zu verfolgen.

Man geht selbst beim Stand von 0:4 nicht. Zu groß ist die Furcht davor, dass man mit der Eintrittskarte in der Hosentasche in ein Berliner Bier weint statt im Olympiastadion ein wahnwitziges 4:4 seines schwedischen Nationalteams abzufeiern. Man guckt sich lieber hundert chancenlose Pleiten bis zum bitteren Ende an als das man dieses eine unglaublich abgefahrene 5:7 verpasst. (Nachtrag: Der Herr hat bei twitter glaubhaft dargelegt, dass er das Stadion nicht verlassen hat.)

Man verflucht diese Angst so manches Mal. Aber lieber gibt man sich Niederlagen in Aue und gegen Cottbus bis zum Schluss, bevor man dieses eine 3:2 in wahnwitzigen sieben Minuten in Regensburg verpasst. Oder man erträgt Heimspiele mit Libero, um dann diesem venezoelanischen Kunstschützen beim siegbringenden Kunstschuss zuzujubeln.

“Einmal auch der helle Schein”

Die letzten Wochen waren für viel Fans wie eine Dividendenausschüttung. Denn sie alle haben vorher eingezahlt: Mit Freitagabendspielen in fünfhundert Kilometern Entfernung, mit torlosen Unentschieden in englischen Wochen und mit verlorenen Sonntagskicks um 13 Uhr.

Tausend Mal Scheiße für diesen einen Moment puren Glücks. Unzählige Wutausbrüche, Tränen und Enttäuschung für ekstatische Raserei auf den Rängen, Hochgefühl für Tage und Stoff für Anekdoten, die die Laune nach der fünften Niederlage wieder aufhellen.

“Weißt du noch? Damals…”

Hier wird der Fußball zur Lebensschule und zum Phrasengrab, denn: Ohne diesen ganzen Scheiß – keinen Preis. Man muss diese Schmach im Lokalderby mitnehmen. Diese erniedrigenden Phasen im Abstiegskampf mit mitleidigem Schulterklopfen vom Gegner. Dieses frühe Ausscheiden gegen unterklassige Gegner im DFB-Pokal. Damit sich irgendwann das Versprechen von Karat und Peter Maffay einlöst und man endlich der “helle Schein” ist.

Und dann macht man es wie Frederick. Sammelt die bunten Farben des Sieges für die tristen, grauen Winterabende nach Pleiten in entlegenen Bundesländern. Fühlt nach dem Triumph an diesem einen Abend die Glücksspeicher auf, wie es Fans anderer Clubs nicht mal nach Meisterschaften können. Nimmt das Gefühl des wahnwitzigen Sieges in letzter Minute in sich auf und sagt dann in den bitteren Zeiten dem ungeduldigen Mitfahrer oder der enttäuschten Tochter mit Abwanderungswunsch auch beim bittersten Rückstand:

“Wir bleiben!”

Denn: wer Schmerz, Leid und Häme ertragen musste, für den wird der einzigartige und unwahrscheinliche Erfolg viel süßer sein als für den warm gebadeten Eventfan, der sich bei Niederlagen im Winter hinter Glasscheiben für den 61er-Château Latour zurückzieht oder das Stadion in der Fünfundsiebzigsten verlässt, um sich das Guthaben von der Bezahlkarte ohne nervtötendes Anstehen auszahlen zu lassen.

Man bleibt auf den Sitzen bis zum Abpfiff. Egal ob auswärts oder heim. Ob mit zwei, drei oder vier Toren in Rückstand. Und sei es nur, um das eigene Team auf eingefrorenen Fingern nach Spielschluss wachzupfeifen. Denn irgendwann wird es gedankt und dann war man dabei. Bei diesem einen Spiel. Nach all den Leiden. In diesem Moment. Dann ist man sich sicher: Es gibt ihn doch: den Fußballgott. Und er ist gut. Man darf nur nie die Hoffnung verlieren.

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10 thoughts on “Tausend Mal Scheiße für das pure Glück

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  2. Klaas Reese Post author

    Ich weiß. Denke mit Freude daran zurück. Auch das angezeigte 0:6 wurde nicht aufgeholt. Und trotzdem sollte man nicht gehen.

  3. Stefan

    Das 1:4 vom Effzeh gegen 96 von 2005, von dem du da ein Foto eingebunden hast, war leider kein solches Spiel.

  4. stiller

    !!!

    Und ich schmunzele auch heute noch, wenn ich von Menschen höre, die beim Stand von 1:4 in den 70er-Jahren den Betzenberg verließen und das 7:4 von Kaiserslautern gegen Bayern verpassten. Das sollte allen eine Warnung sein.

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  8. mars (spielbeobachter)

    Selbst im vielzugroßen Stadion meiner Wahlheimat gibt es Stehplätze, auf beiden Seiten. :) (Okay, keine Ahnung, ob man auf blau-weißer Seite da an Karten kommt). Aber ich wollte jetzt hier auch nicht ablenken, auch diejenigen, die aus innerer oder äußerer Gebrechlichkeit heraus meinen, sie bräuchten einen Sitzplatz, sollten sich ein Beispiel an Deinen Worten nehmen. Und bitte, gern geschehen.

  9. Klaas Reese Post author

    Das Schöne ist ja: selbst der, der berechnet, hat keine Garantie auf Ausschüttung einer Gefühlsprämie.

    Und zu den “Sitzen”: zum Beispiel im größten Stadion deiner Wahlheimat gibt es zum Beispiel nur Sitze. ;)

    Ich wollte hier halt einfach nur sprachliche Vielfalt walten lassen. “Plätzen” wäre nicht falscher gewesen und hätte deinen Kommentar verhindert – was ja ob der ersten beiden Sätze schade gewesen wäre. Danke dafür!

  10. mars (spielbeobachter)

    Alles super. Alles richtig. (Wobei ich das gar nicht so berechnend sehe: Ich bleibe nicht, weil es sich vielleicht irgendwann mal auszahlen wird. Sondern weil ein Spiel 90 Minuten dauert. Ob da noch was passiert oder nicht – egal. Es dauert 90 Minuten.)

    Einen dicken Fehler müssen wir aber rot anstreichen: “Man bleibt auf den Sitzen bis zum Abpfiff.” Von welchen Sitzen redest Du da?

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