Zeuge Hannovas: Kinds Kollektivstrafen

In Hannover freuen sich die 96-Fans auf das nächste Heimspiel in der Europa League. Anschi Machatschkala wird der Gegner und das schöne Stadion am Maschsee sicherlich gut gefüllt sein. Die Besucher hoffen auf einen weiteren unvergesslichen Europapokalabend an der Leine.

Logo ReesesSportkultur.deBei einigen hundert Anhängern der Roten ist die Vorfreude allerdings getrübt, denn sie sollen mehr zahlen als die Zuschauer in den Nachbarblöcken. 5 €uro Aufschlag sind für das Spiel veranschlagt worden. Der Grund: Hannover 96 will die Ausgaben ausgleichen, die der Verein für das Zünden von Pyromaterialien beim Spiel gegen Dynamo Dresden zahlen musste. Eine Erklärung für die Preiserhöhungen für die Blöcke hielt man in seiner Pressemitteilung zum Ticketverkauf oder auf der Vereinshomepage nicht für nötig.

Was erstaunlich ist, denn betroffen sind zwei Blöcke. Sie werden von der Roten Kurve, dem Fandachverband verwaltet. Dort sitzen aber mitnichten nur Ultras wie die Überschrift der Lokalpresse vermuten lässt. Es sind Mitglieder aus allen Bereichen der Fanszene. Es sind vor allem Dauerkarteninhaber. Es sind wie man so sagt die treuesten Fans des Vereins.

Aber nicht nur deshalb ist es kurios, dass ausgerechnet die Mitglieder der RK von Hannover 96 in sippenhaft genommen werden, denn die Verbandsspitze hat sich nach dem Spiel gegen Dresden klar gegen Gewalt, gegen Böller und ob des aktuellen Verbots gegen das Abbrennen von Bengalos positioniert.

Nach der Ankündigung der Preiserhöhung hat sich die Rote Kurve deshalb auch klar gegen „diese Kollektiv-Strafe (und um nichts anderes handelt es sich hierbei)“ beim Verein ausgesprochen und Unverständnis über die fragwürdige Preispolitik geäußert.

Weiter heißt es auf RoteKurve.de:

Das widerstrebt allen (Lippen)Bekenntnissen der DFL in den letzten Wochen, die im Rahmen der Diskussionen um das so genannte “Sicherheitspapier” immer wieder folgende Dinge betont hat:

  • “Ein Automatismus, wonach Fan-Gruppierungen in ihrer Gesamtheit bei Fehlverhalten einzelner bestraft werden, war und ist nicht vorgesehen. Stattdessen soll die täterorientierte Aufklärung intensiviert werden.” (15.11.2012)
  • “Ziel ist es, die existierenden Sicherheitsmaßnahmen zu optimieren, bei Verstößen gegen geltendes Recht täterorientiert vorzugehen und so Kollektiv-Strafen zu vermeiden.” (12.12.2012)

Warum sich die Verantwortlichen bei 96 nicht an die Vorgaben des eigenen Ligaverbandes halten ist zumindest fragwürdig und widerspricht dem angedachten Dialog zwischen DFL, Klubs und Fans.

Die Rote Kurve bleibt dennoch dialogorientiert, ruft aber alle Zuschauer, die eigentlich in den Rote Kurve Fanblöcken Plätze reservieren wollten, dazu auf sich Karten für einen anderen Block zu suchen, um der Preissteigerung zu entgehen.

Es ist einfach unfassbar wie ungeschickt sich Hannover 96 zum wiederholten Mal im Umgang mit seinen Fans anstellt. Im Zusammenhang mit einer Haarmann-Fahne im 96-Fanblock bewies der Club schließlich erst vor wenigen Monaten wie unfähig er in puncto Kommunikation und Ansprache ist.

Dieses Mal treibt es der Verein allerdings auf die Spitze, denn eine Bestrafung  von zwei kompletten Fanblöcken ist ein Novum und spricht für das verquere Rechtsverständnis von Vereinspräsident Martin Kind. Schon nachdem Emanuel Pogatetz mit Fangesängen verunglimpft worden war sagte er dem kicker:

„Da müssen gesetzliche Normen geändert werden. In Wolfsburg haben 100, 150, vielleicht auch 200 Leute den Spruch minutenlang gesungen. An wen wollen Sie da rangehen? Da müssen wir prüfen, inwiefern wir Strafen und Stadionverbote aussprechen können, ohne dass man es im Einzelfall zu 100 Prozent beweisen kann.

Wir müssen in der Lage sein, in einer Massenveranstaltung reagieren zu können, wenn sich da so viele Leute derart austoben. Unser Problem sind die vielen Leute, die mitmachen, bei denen man es aber nicht beweisen kann.“

Kind geht also davon aus, dass alle Zuschauer in einem Fanblock an Fangesängen beteiligt sind. Wahrscheinlich rührt von diesem Verständnis auch die Idee her, dass auch bei der Nutzung von Bengalos der komplette Block mitmischt oder Täter deckt und deshalb kollektiv bestraft werden muss.

Dass diese Sicht sowohl bei den Gesängen als auch bei den Pyrovergehen natürlich völlig verquer ist leuchtet den allermeisten ein. Vor allem wenn man schon mal in einem Fanblock gestanden hat, der sich über mehrere Dutzend Sitzreihen zieht und erheblich Höhenunterschiede aufweist. Wer hier einem Fan vorwirft, dass er sich bei Pyrovergehen einzelner mitschuldig macht, macht sich lächerlich.

Dazu ist es wenig plausibel, dass ein Verein so kurz nach den 12:12-Protesten und nach der Verabschiedung des DFL-Sicherheitsapiers die eigenen Fans so  gegen sich aufbringt und wider die vom Ligaverband ausgegebenen Vorgehendsweisen handelt. Dazu wird der immer gesprächsbereite Fandachverband, der sich schon oft als Vermittler zwischen Verein und Fangruppen eingesetzt hat, vor den Kopf gestoßen und in seiner konstruktiven Arbeitsweise bloßgestellt. Es sind genau diese Aktionen, die Fans radikalisieren können, weil sie sich angegriffen fühlen und zu der Überzeugung gelangen, dass der Dialog mit den Funktionären nichts bringt.

Es bleibt zu hoffen, dass der Verein – sollte er nicht doch noch zur Vernunft kommen und die Ticketpreiserhöhung zurücknehmen – auf den Karten in den Rote Kurve Blöcken sitzen bleibt und die Fans in Hannover mit einem leeren Block beim Europa League Spiel gegen Machatschkala ein Zeichen gegen eine völlig überzogene Aktion setzen, so dass der Verein sich mit seiner völlig verunglückten Sanktion ein finanzielles Eigentor schießt.

 
Autor Klaas Reese ist Mitglied in der Roten Kurve.
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