Zeuge Hannovas: 10 Jahre älter. Drei Punkte reicher.

Hannover 96 – VfL Wolfburg. Ein Spiel mit vielen Geschichten. 

Starten wir mit Pocognoli. Klingt wie ein Nudelgericht, spielt aber belgische Nationalmannschaft und neuerdings auch hinten links bei Hannover 96. Wenige Tage nach seinem Wechsel stand Sebastién Pocognoli direkt in der Startelf – leider aber auch neben sich.

Nach wenigen Trainingseinheiten hatte er den Vorzug vor Rausch und Pander bekommen, ließ Flanke um Flanke des stark aufspielenden Vieirinha zu und trat an der Seitenlinie Gegenspieler Fagner ziemlich Sinn befreit auf Bauchhöhe um. Nach 34 Minuten.

Zum Glück stand es da schon 1:0 für 96, denn Sofian Chahed, der Hiroki Sakai weiter aufs Abstellgleis stellt, spielte nach drei Minuten den Ball im Longline. Der blonde Samurai Simon Kjaer überhörte die poltschen Rufe und vermutete, dass dieser Ball die Seitenlinie vollständig übertreten würde. Diesen Irrglauben bestrafte Mohammed Abdellaoue, der einen Moment früher als sein dänischer Gegenspieler die Fehleinschätzung erkannte. Der Norweger zog in den Strafraum. Freund und Feind – eine Flanke oder ein Abspiel vermutend – ließen dem Stürmer freies Geleit. Den Freiraum nutzend zirkelte er den Ball kunstvoll wie im Videospiel in den Winkel. Mal wieder ein Anwärter zum „Tor des Monats“ von Abdellaoue, der selbst in einer schwächeren Hinrunde vier Mal traf. Leider musste der Torschütze das Feld nach der belgischen Kung-Fu-Einlage verlassen. Mit einigem Ärger im Blick nahm er die Anweisung des Trainers gegen sich an.

Die Entscheidung des Trainers für Diouf war goldrichtig, denn der Senegalese köpfte nach schöner Chahed Flanke (2.Scorerpunkt!) erst gegen den Pfosten und jubelte nach geglücktem Abpraller über seinen 8. Saisontreffer. Die Roten gingen also mit komfortablem Vorsprung in die Halbzeit.

Den hatten sie aber auch teuer bezahlt, denn die eidgenössische Innenverteidigung zerbrach an Mario Eggimanns Knöchel. Neben dem neuen Nebenmann Karim Haggui rettete Johan Djourou erst im Zusammenspiel mit Torwart, als er eine Flanke vor dem einschussbereiten Bas Dost abgrätschte und Zielers Bein den Ball glücklich neben das Tor lenkte. Dann war es eine Billardvariante im eigenen Strafraum die Djourou zu einer dioufesken Rettungstat per Fallrückzieher zwang (was den Autoren beim kicker so verwirrte, dass die Aktion tatsächlich dem Stürmer gutgeschrieben wurde).

Die zweite Halbzeit begann dann ohne den dänischen Samurai. Für ihn kam Alexander Madlung. Nach Zielers Blindlflug im Anschluss an eine Wolfsburger Ecke tunnelte der neue Mann den Nationaltorwart und traf so schon kurz nach Anpfiff zum Anschlusstreffer.

Der Beginn einer Abwehrschlacht. Ein Spiel auf ein Tor.

Wolfsburg setzte alles daran, um in Überzahl ein weiteres Tor zu erzielen. Angriff nach Angriff der apfelgrünen umspielte den Strafraum des Gastgebers, den diese in Handballmanier bewachten. Dost, Vierinha, Naldo, Diego, Perisic, Olic, Schäfer – alle versuchten sich. Doch an diesem Tag hätte wohl der komplette Millionenkader des VfL zum Einsatz kommen können – ein Ausgleichstreffer sah der Einbahnstraßenfußball nicht vor, denn die Herren Schmiedebach und Hoffmann wurden nicht müde jeden Zweikampf anzunehmen. Haggui und Djourou warfen ihre Kopfballstärke in die Wagschale. Ron-Robert Zieler zeigte Reflexe, die einmal mehr sein großes Potenzial aufleuchten ließen.

Mittelfelddiva Diego konnte sich noch so mühen, Schläge austeilen und um Nachspielzeit betteln. Es half nichts. Die grauen Haare der Zuschauer vermehrten sich zahlreich, Lebenszeit wurde verkürzt, aber der VfL Wolfsburg traf nicht mehr ins Tor.

Und so brandete Applaus im einst auch offiziell Niedersachsenstadion genannten Rund auf als Schiedsrichter Günter Perl nach vierminütiger Nachspielzeit den Abpfiff gab. Gästetrainer Hecking konnte noch so sehr von „besserer Spielanlage“ faseln, die Punkte hatte sich die Mannschaft von Hannover 96 redlich verdient. Wieder mal hatte das Team vollen Einsatz über die komplette Spielzeit gezeigt und wurde im Gegensatz zum undankbaren 4:5 auf Schalke mit drei Punkten belohnt, die Schlagdistanz zu den Qualifikationsplätzen für die Europa League bedeuten.

Hannover 96. Das ist sicherlich einer der Vereine mit dem größten Unterhaltungswert auf und neben dem Platz. Fans können sich auf weitere spektakulären Spielen freuen. Wenn dazu noch  der Verein erkennt, dass die Unruhe im Umfeld dem Erfolg hinderlich ist und das unverständliche Vorgehen gegen die eigenen Anhänger ein Ende haben muss, dann kann das Team trotz zahlreicher Verletzungen eine gelungene Rückrunde spielen.

Flattr this!

Veröffentlicht von

Ein Gedanke zu „Zeuge Hannovas: 10 Jahre älter. Drei Punkte reicher.“

  1. Pingback: Anonymous

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.