EM-Momente (VI): »Countdown«

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Es war mir bei den ersten Spielen gar nicht aufgefallen, aber beim Spiel der Polen gegen Nordirland wurde ich quasi vom Fernseher angebrüllt:

»10,9,…«

Wie bei einer Sylvesterparty gröhlte auf einmal eine Stimme zahlen in das Stadion und ein Teil der Zuschauer auf den Rängen stimmte mit ein.

»…8,7,…«

Ich muss zugeben, dass meine Spannung stieg. Würde es eine besondere Choreo geben, die am Ende des Countdowns in die Luft gehalten wird? Hatten sich die Spieler einen torgefährlichen Anstoßtrick überlegt, den die Regelhüter bei der Neuformulierung nicht bedacht hatten? Standen die Konfettikanonen bereit? Oder doch eine Pyroshow?

»…6,5,…«

Mir kam ein Blogbeitrag von Trainer Baade in den Sinn. Der Trainer war bei der EM 2012 in Lemberg zu Gast und hatte danach schmerzliche Erinnerungen niedergeschrieben:

»Meckern könne man allerdings über jene Pre-Game-Show, bei der ein englischsprachiger, ein dänisch- und ein deutschsprachiger Animateur sich etwa 90 Minuten lang vor dem Spiel alle Mühe gaben, den letzten Rest an Hirnschmalz aus den Fanhirnen zu entfernen. Ihre Bemühungen, Dezibelwettbewerbe und La-Olá-Wettbewerbe durchzuführen, verliefen dann auch mehrheitlich im akustischen Sand, weshalb es von dieser Form der Bespaßung auch keine Bilder zu sehen gibt.«

War der Countdown also nur das Ende einer die klassische Fankultur pervertierenden, peinlichen Event- und Marketingshow?

»…4,3…«

Ich erinnerte mich an Hallenturniere, die ich mit meinem Vater, meinem Bruder und anderen Helfern für den VfL Bad Nenndorf organisiert hatte. In der Halle in Waltringhausen spielten jeweils am ersten Wochenende des Jahres Jugendmannschaften aller Altersklassen gegeneinander. Sobald die Anzeigetafel, die neben dem Ergebnis auch die Restspielzeit offenlegte, die letzten zehn Sekunden ablaufen ließ, begann ein Zählchor, an dem Graf Zahl seine Freude gehabt hätte. Oft war es nur ein Kind, das »10« rief, ein paar mehr riefen »9« und spätestens ab der »5« rief das Gros der Halle lauthals die verbliebenen Sekunden.

Es ist ein sich wiederholender Spaß. Besonders für Kinder, aber auch Erwachsene lassen sich von diesem »Final Countdown« gern anstecken. Ist der Countdown in den EM-Stadien also vielleicht eine brillante Idee, um den besonderen Moment des Spielbeginns zu zelebrieren, um den letzten Businessseatzuschauer vom Büfett auf seinen Platz zu holen?

»…2,1,…«

Ich fragte den Schwarm und immerhin 349 Twitterati gaben ihre Stimme ab:

Ernüchternd für die UEFA-Party-Fraktion. Knapp die Hälfte der Stimmberechtigten hält den Countdown für überflüssig, vielen ist er sogar egal. Aus ihrer Sicht braucht es keinen Zirkus, um den Spielbeginn einzuläuten. Lasst die Fans im Stadion doch selbst für einen unterhaltsamen Spielbeginn sorgen. Und was gehen mich die Businesskasper an? Die können schließlich auf den Bildschirmen bei ihren Amuse-Gueules den Anpfiff kommen sehen.

Ich glaube, dass die Ablehnung vor allem eine Ablehnung der nervigen Lautstärke, der übertriebenen guten Laune und des vorgegebenen Jubels ist. Niemand kann es beispielsweise verstehen, warum in der Bundesliga nach jedem Tor direkt eine Tormusik mit ohrenbetäubender Lautstärke angeschmissen wird, die jeden natürlichen Jubellaut schluckt. Keiner kann Menschen dauerhaft ertragen, die ein unnatürliches Grinsen ins Gesicht getackert haben wie Morning Show Moderatoren im Radio oder Animateure am Hotelpool. Und die Ritualisierung von Fananimationen durch Stadionsprecher (wie beim Spielstandsruf  »Zwei!«»Nuuuull!«»Danke!«»Bitte«) scheint im Herbeibrüllen des Countdowns einen beklagenswerten Höhepunkt gefunden zu haben.

Die Inszenierung des Pre-Game-Show ist ein Beispiel für das »Zu Viel!« im Fußballgeschäft. Einfach mal ein paar Dezibel weniger und die Fans in der Kurve machen lassen, das wünsche ich mir. Und sollte sich also irgendwo eine Fankurve eines Tages selbst dafür entscheiden einen Countdown abzählen zu wollen, weil irgendwo in der Kurve ein kleines Mädchen erst die »10« brüllt und dann nach und nach das ganze Stadion einstimmt, so hätte ich nichts dagegen.

Hier geht es zu EM-Moment V: »Clinch«.

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