Sportfilm: »Höher, schneller, weiter: Die Dopingspirale«

Quelle: Screenshot »Die Dopingspirale«, Arte

Am Ende des Films »Höher, schneller, weiter: Die Dopingspirale« fragt ein Journalist sinngemäß: »Warum gelingt es einem Reporter etwas herauszufinden, was einer Institution mit ihren Labors und ihren Mitarbeitern, die in der Business-Klasse durch die Welt reisen, nicht gelingt?«

Es ist eine entscheidende Frage, wenn es um das Thema Doping geht, denn weitergehend muss man fragen: Wer hat kein Interesse daran, dass positive Dopingtests gefunden werden? Sportfunktionäre, die ihre Sportarten nicht durch schlechte Nachrichten zerstören wollen, weil sie Angst vor den Folgen einer Dopingberichterstattung haben? Skrupellose Trainer und Sportler, die um jeden Preis erfolgreich sein wollen? Vielleicht auch Medizinunternehmen, die viel Geld durch die Produktion zweckentfremdeter Medikamente machen?

Mittel, die aus dem Urin schwangerer Frauen gewonnen werden. Mittel, die in Europa nicht zugelassen sind und dennoch per Mausklick gekauft werden können. Mittel, die Sportler körperlich schwer schädigen.

Der Film »Die Dopingspirale« zeigt all diese Perversionen. Dazu werden die Funktionäre gezeigt, die die Betrüger schützen und sich an ihnen bereichern. So wurden zum Beispiel Startplätze für die Olympischen Spiele quasi verkauft an Sportler, die des Dopings überführt waren.

Und auf der anderen Seite sind es dann die Sportler und Funktionäre, die um ihr Leben fürchten müssen, weil sie als Whistleblower Dopingpraktiken öffentlich machten. Die Läuferin Julia Stepanowa und ihr Mann Witali Stepanow, ehemaliger Mitarbeiter der russischen Anti-Dopingagentur, zeigten mit Hilfe des Journalisten Hans-Joachim Seppelt das gesamte Ausmaß des russischen Dopingsystems. Beide flüchteten aus Angst vor Repressionen aus ihrer Heimat und haben Asyl in Kanada beantragt. Um ihr Schicksal kümmert sich keine Sportinstitution, kein Land bietet einen Startplatz im Olympiateam. Eine Würdigung der Entbehrungen, die die Familie Stepanow für den Sport erbringen musste, hat bisher nicht stattgefunden. Von russischen Medien werden sie verhöhnt.

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Weltweit werden 3.000 Athleten pro Jahr des Dopings überführt. Vor allem bei Gewichthebern, in der Leichtathletik und beim Baseball werden viele Sportler positiv getestet. In Sportarten wie der Formel 1, im Tennis oder im Golf gibt es hingegen kaum Dopingfälle.

Auch der Fußball ist eine scheinbar saubere Sportart. Der letzte positive Test bei einem FIFA-Wettbewerb datiert von der WM 1994. Es war Diego Armando Maradona, dem unter anderem der Missbrauch mit Ephidrin nachgewiesen wurde. Bei Wettbewerben danach wurden Proben zerstört, es wurde auf Bluttests verzichtet oder auf ein Labor in so weiter Entfernung gesetzt, dass bestimmte Substanzen gar nicht mehr nachgewiesen werden können.

»Bei der Tour de France könnt ihr nachfragen, aber doch nicht bei uns beim Fußball.«
Deutsche Fußballfans

Rai, Fußballweltmeister von 1994, mahnt deshalb bessere Kontrollen an, denn aus seiner Sicht gibt es viele Anhaltspunkte, die dafür sprechen, dass es auch im Fußball Doping gibt. Daniel Drepper, Journalist bei Correct!v, unterstützt diese Forderung und berichtet über Gespräche mit Stefan Matschiner, der zugegeben hat, auch Fußballer mit Dopingmitteln versorgt zu haben.

Es gibt Berichte, dass die deutsche Nationalmannschaft bei der WM 1986 und später auch bei Juventus Turin Amphetamine schluckten. Bei Olympique Marseille war es früher üblich vor den Spielen Spritzen zu verabreichen. Und auch beim VfB Stuttgart und beim SC Freiburg ist seit dem »Fall Klümper« Doping verbrieft.

Dazu wird im Film von Zelltherapien berichtet, die von der WADA verboten wurden, weil sie die Leistung steigern können. Die Stammzelltherapien und Wachstumsförderer werden zum Beispiel beim FC Barcelona genutzt, was der Arzt Ramón Cugat im Film ganz offen zugibt. Mit Blutplättchen angereichertes Plasma wird in die Blutzellen injiziert und fördert so die Genesung. Spieler aus Brasilien, Deutschland, England und Spanien wurden nach Auskunft des Arztes behandelt.

Fußballer haben, wohl weil die Therapie so erfolgreich ist, darum gebeten, dass das Verbot der WADA aufgehoben wird. In einer Studie wurde dann festgestellt, dass die Therapie nicht leistungssteigernd sei. So wurde das Anti-Doping-Gesetz gekippt. Sicherlich ein Indiz dafür, dass die mächtigeren Sportarten Doping vielleicht nicht besser bekämpfen, aber besser unter Kontrolle halten können. Denn wer mehr Geld zahlt, der bekommt auch bessere Dopingunterstützung.

So bekommt ein Sportler für rund 6.000 €uro die »Doping-Grundausstattung«. Wer in der Klasse vonüberführten Dopern wie Sprinter Dwain Chambers oder Radfahrer Mario Cipollini unterstützt werden will, also besseres Doping und bessere Mittel zur Verschleierung bekommen möchte, der muss 30.000 €uro pro Jahr zahlen. Spitzendoper wie die Leichtathletin Marion Jones oder »Tour de France«-Sieger Lance Armstrong müssen mehr als das dreifache hinlegen. Für etwa 100.000 €uro bekommt man beste ärztliche Unterstützung und sogar Mittel, die anderen Sportlern nicht bzw. noch nicht zur Verfügung stehen.

Diese Zahlen zeigen, dass das Dopingproblem auch ein Problem von wissenschaftliche Mittäterschaften ist. Ein Problem, dass auch Alex Schwazer, italienischer Geher, der beim dopen erwischt und für vier Jahre gesperrt wurde, benennt. Schließlich sind es zumeist nur die Sportler die bestraft werden, nicht aber die Ärzte und Trainer.

Schwazer, italienischer Geher unterzieht sich nach Ablauf seiner Sperre dem wohl engsten Dopingkontrollsystem. 40 Mal im Jahr wird er getestet und das von einer unabhängigen Kontrollinstanz. Schwazer ist sich bewusst, dass dies der einzige Weg ist, wie er Vertrauen zurückgewinnen kann. Er selbst kümmert sich um die Kontrollen, weil er weiß, dass das offizielle Kontrollsystem nicht ausreicht, um zweifelsfrei zu beweisen, dass er nun ein sauberer Sportler ist.

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»Die Dopingspirale« zeigt die Auswirkungen des Dopings auf den Sport in einer sehr umfassenden Art und Weise. Unterschiedliche Sportarten haben große Probleme ihre Sportler regelmäßig zu kontrollieren. Ganze Landesverbände haben gar kein Interesse daran, ihre Sportler zu kontrollieren. Es ist ein Einblick in die Sportwelt, der abschreckend und abstoßend ist. Dazu gibt es Ausblicke in die Zukunft mit genetisch veränderten Sportlern, die einen erschaudern lassen und quasi den Untergang der Sportethik bedeuten würden.

Besonders traurig machen die vielen Opfer des Dopings. Sportler, die sich nach der Entdeckung umgebracht haben. Sportler, die an den eingenommenen Mitteln zugrunde gegangen sind oder schwere Schädigungen erlitten haben. Sportler, die keine Chance hatten, weil sie sich gegen Doping und damit gegen eine Karriere mit Podiumsplätzen entschieden haben.

Doping ist neben Sportwetten die wohl größte Gefahr für den Sport. Diese Gefahr ist seit Jahren bekannt und der Film zeigt eindrucksvoll, dass alle Institutionen bisher nicht in der Lage sind diese Gefahr zu dämmen und Dopingopfer zu schützen. Ein bitteres Fazit eines sehenswerten Films.

Arte bietet zum Film ein umfangreiches Informationsportal.

 

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