EM-Momente (VIII): »Bonbon«

pf_1466148369Eigentlich ist es nicht schlimm älter zu werden. Die Menschen um einen herum werden schließlich auch älter. Nur Fußballer, die werden immer jung bleiben und es wird nicht mehr lange dauern, dass Kicker in den Profiligen aufspielen, die erst in diesem Jahrtausend geboren wurden.

Andere Fußballer hören auf, weil sie mit diesen jungen Fußballspielern irgendwann nicht mehr mithalten können. Es ist dann nicht ihr Talent, das verblasst, es sind Kraft, Schnelligkeit und Kondition, die nachlassen. Vielleicht auch die Motivation.

Bei Turnieren wie der Europameisterschaft ist deshalb jedes Mal bei einigen Spielern die Rede davon, dass dies ihr letztes großes Turnier sein könnte. Rosicky, Buffon, Carvalho, Keane.

Einer der mit seinen 32 Jahren langsam auch in diese Liste passen würde, ist Andres Iniesta. Zum Glück scheinen die Naturgesetze bei dem schmalen Spanier nicht zu gelten. Zu leichtfüßig bespielt er noch immer seine Mitspieler. Egal ob in der eigenen Hälfte oder zwischen Mittelfeld- und Abwehrreihe der Tschechen. Iniesta war stets anspielbereit, wendig und immer in der Lage Räume zu sehen oder zu schaffen wie kein Zweiter. 86 seiner 95 Zuspiele kamen beim Mitspieler an, eine Quote von 91 Prozent.

Iniesta scheint mit dem Ball eine natürliche Beziehung einzugehen. Bei jeder Ballannahme tropft ihm das Spielgerät genau so weit vom Fuß, dass er direkt die nächste Aktion starten kann. Seine Ballbehandlung hat etwas Magisches. Die Kugel bewegt sich zwischen seinen Füßen wie von Zauberhand geleitet. Den Blick hat er dabei nicht auf dem Ball, sondern für seinen Mitspieler, den er im nächsten Moment mit dem perfekt getimeten Zuspiel bedient. Er verteilte Pässe wie andere Leute Bonbons.

Für seine Mitspieler ist es sicher Ansporn es Iniesta gleichzutun und immer in Bewegung zu bleiben. Seine Bewegungen sind geschmeidig wie die einer Katze, er dreht sich selbst bei wüsten Angriffen seiner Gegenspieler einfach um sie herum.

Mit ihm auf dem Feld zu stehen, muss ein Privileg sein. Ihm zuzusehen ist es auf jeden Fall. Und so war es auch nicht verwunderlich, dass es seine Flanke war, die zum Siegtreffer der Spanier führte. Am linken Strafraumeck bekam er den Ball. 16,50 Meter Torentfernung. Im Strafraum der Tschechen war Aufruhr, denn die kopfballgefährlichsten spanischen Spieler waren vor Ort. Sergio Ramos hob den rechten Arm, um den Ball anzufordern und startete in Richtung zweiter Pfosten. Doch Iniesta guckte sich einen anderen Mitspieler aus. Mit dem rechten Fuß nimmt er den Ball an, legt ihn sich kurz mit rechts vor, um dann mit demselben Fuß direkt die Flanke zu schlagen. In der Zeitlupe sieht man, dass sich der Ball wunderschön in der Luft um die eigene Achse dreht. Piqué muss nur noch zwei schnelle Schritte in Richtung Fünfmeterraum machen, abspringen und den Ball ins Tor nicken.

Alle Blicke richten sich danach auf den Torschützen, der sich mit versteinerter Miene vor der Fankurve aufbaut. Der Flankengeber findet kaum Erwähnung, vielleicht weil man es vom Mann mit dem schütteren grauen Haar so gewohnt ist.  Alles wie immer. Iniesta hat einfach wieder ein Bonbon verteilt.

Hier geht es zu EM-Moment (VII): »Pourquoi moi?«

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