Zidane schweigt

»Zidane schweigt« von Frédéric Valin handelt von der »Équipe Tricolore, dem Aufstieg des Front National und der Spaltung der französischen Gesellschaft« – und das auf weniger als 80 Seiten.

Der Autor begeht dabei nicht die Hybris hier die französische Gesellschaft mit Hilfe des Fußballs erklären zu wollen, aber er versucht bestimmte Symptome, Probleme und Entwicklungen aufzuzeigen. Und das, das sei an dieser Stelle schon verraten, gelingt ihm sehr gut.

Zidane schweigt

Valin widmet sich zunächst dem Sport und er kann, wie er es in seinem Blog »Zum Blonden Engel« schon oft bewiesen hat, wunderbar über Fußball schreiben und erkennt die Merkwürdigkeiten, die die Balltreterei auch bereithält.

»Und dann sind da die anderen, die Kettenhunde, die besonders von den Fans verehrt werden – ehrliche Arbeiter sagen die Kommentatoren dazu, als wäre ein Übersteiger etwas Unehrliches oder sogar Unehrenhaftes. Man liebt sie vor allem in Deutschland und England, dort also, wo jeder Zauber unter Verdacht der schnöden Illusion steht; hier verehrt man jene, die sich den Arsch aufreißen, die Dreck schlucken und spucken und buckeln und nicht lang fackeln, wenn sie ein fremdes Schienbein sehen.«

Einer, der den Übersteiger liebt, ist Zinedine Zidane. Er wird in den Sommertagen des Jahres 1998 zum Nationalhelden der Grande Nation. Seine Tore werden zum Zeichen dafür, dass Frankreich etwas gelungen ist, wovon viele Nationen träumen. Der Sieg bei der WM wird zum Beweis gelungener Integration hochstilisiert. »Black, blanc, beur«. Alle gemeinsam freuten sich über einen unerwarteten Sieg, der mit dem Triumph bei der EM 2000 noch bestätigt wurde. Eine Nation ist stolz auf gelungene Integration und übersieht dabei, dass sie lediglich auf dem Fußballplatz gelungen ist

Die fußballerische Ernüchterung kommt bei der WM 2002. Die Franzosen stellen während des Turniers einen Negativ-Rekord auf, da sie als amtierender Welt- und Europameister nicht ein einziges Tor erzielen. 2004 scheitert die Équipe Tricolore gegen biedere Griechen im Viertelfinale und bei der WM 2006 macht Zidane einen Abgang von der Fußballbühne, der alles übertrifft. Die EM 2008 beendet das französische Team als Gruppenletzter in der Vorrunde und bei der WM 2010 erlebt die Welt die Selbstzerfleischung einer Mannschaft, die es so wohl noch nie gegeben hat. Auf dem südafrikanischen Trainigsplatz in Knysna weigern sich vor den Augen der Welt die Spieler aus Protest gegen den Ausschluss ihres Mitspielers Nicolas Anelka zu trainieren.

»Für die extreme Rechte ist das Fiasko von Knysna ein Geschenk des Himmels. Die Strategen des Front National hätten sich ein paar Jahre zuvor nicht träumen lassen, wie schnell der Konflikt eskaliert. Es beginnt mit Malek Boutih, Vorstandsmitglied der Sozialisten und Ex-Vorstand von SOS Racisme, der moniert alle Spieler verständen sich zwar als Franzosen, repräsentierten aber nicht gemeinsam dieselbe Nation. Ein Sozialist, der spricht, als wäre er ein Rechter. Als hätte der FN schon immer recht gehabt.«

So ist das Buch »Zidane schweigt« auch eine Lehrstück über Populismus, über die Verschiebung von Grenzen in der Sprache und der Versuch einer Erklärung, wie Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sich in einem europäischen Land entwickeln und ausbreiten können.

»Dieser Wandel ist kein französischer Sonderweg, sondern ein gesamteuropäisches Phänomen: Die extreme Rechte hat sich von einem Randphänomen revanchistischer bzw. vergangenheitsverklärender Splittergruppen zu einer neuen Ideologie entwickelt, die der Soziologe Dominique Reynié den »patrimonialen Populismus« nennt. Von der Ablehnung moderner westlicher Werte hat sie sich im Windschatten des »war on terror« zu deren Verteidigern heraufgeschwungen: Errungenschaften wie die relative Gleichstellung der Geschlechter, Laizismus und die Auslebung persönlicher Rechte gilt es nun gegen einen gemeinsamen äußeren Feind zu verteidigen. Dazu halluziniert sich die Rechte einen europäischen Kulturraum herbei, der bedroht sei von äußeren schädlichen Einflüssen, die nach seiner Zerstörung trachten: demografisch von den jungen Nationen im arabischen Raum, kulturell vom Islam, ökonomisch von der Globalisierung und dem Neoliberalismus. Die extreme Rechte hat sich neu erfunden als Verteidigerin des Liberalismus und der Freiheit.«

Schuld an dieser Entwicklung tragen laut Valin auch die Medien, die wenig selbstkritisch den Rechten eine Bühne bereiten und ihrer Argumentation nur allzu leicht folgen. Sie zeigen »ein Zerrbild einer Gesellschaft, die- so die Moral von Knysna – nicht funktionieren kann: eine voller Einwanderer, unterentwickelten Schulabbrechern, Leuten, die in den Straßenschluchten der Banlieus abhängen.« Der Fußball, der 1998 und 2000 noch die gelungene Integration bebilderte, wird nun herangezogen, um die Probleme Frankreichs zu erklären.

»Quand la France va mal, le Front National va bien«, heißt es in Frankreich: Wenn es dem Land schlecht geht, dann geht´s dem FN gut. Und dem Land geht es schlecht.«

Es ist spannend Valins Erzählung über die Entwicklungen auf und neben dem Platz zu folgen. Schillernde Persönlichkeiten wie Bernard Tapie oder Köpfe der rechtspopulistischen Bewegung wie Jean-Marie Le Pen werden portraitiert, politische Machtspielchen schonungslos offengelegt und immer wieder werden Fußballer in den Mittelpunkt gestellt und so beschrieben, dass es eine Freude ist.

Der Leser erfährt Vieles, was er noch nicht wusste oder wird daran erinnert wie sich Politik, Gesellschaft und Fußball im Nachbarland in den letzten beiden Jahrzehnten entwickelt haben. Und das in einem lesenswerten Schreibstil, der es ermöglicht, sich das Büchlein in wenigen Stunden zu Gemüte zu führen. Und zum Abschluss liefert Valin dann den schönsten Grund dafür, warum die Équipe lieber nicht Europameister werden soll.

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Das Buch gibt es als E-Book für 2,99 €uro im Verbrecherverlag.

Einen längeren Ausschnitt aus dem Buch gibt es bei der taz.

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