Zeuge Hannovas: Und es gibt keinen Verein in Europa…

Die Vorfreude, die sich über die letzten Tage und Wochen bis in Unermessliche gesteigert hatte, konnte eigentlich nur enttäuscht werden. Der vorsichtige Optimismus konnte nur bestraft werden. Der Traum von der Gruppenphase der Europa League konnte nur platzen.

Wenn man dann allerdings das NiedersachsenstAWDion auf der Nordtribüne betrat, dann war schnell klar, dass schon dieser eine Moment all die Aufregung wert war. Eine Aufregung, die einen in den letzten Tagen zum Monothematiker gemacht hatte. Allein am Spieltag wurde dutzendfach gecheckt, ob die Eintrittskarte wirklich im Portemonnaie war.

Die Aufregung rund ums Stadion war so groß wie nie. Es gab auch so viele Schwarzhändler zu beobachten wie nie. Und auch der Alkoholkonsum vor dem Stadion übertraf Vieles, schließlich gab es im Rund nur alkoholfreie Bremer Plörre – was die Flaschensammler in Hannover freute.

Und dann war da dieser Moment, der auch ohne UEFA-Hymne Gänsehaut auslöste. Den auch die Stadionregie mit dem Abspielen von “We will rock you” nicht zerstören konnte.

Die gesamte Nordkurve war eine schwarz-weiß-grüne Fahne. Man konnte beim Hochhalten der Zettel auf der Anzeigetafel das entstandene Bild sehen. Man sah wie sich die Zuschauer im Süden des Stadions erhoben und applaudierten. Wie im Westen Jubel ausbrach und wie sogar in den Ostblöcken bei den Wohlsituierten Anerkennung laut wurde.

An diesem Abend stand nicht nur die Fankurve im Norden wie ein 12.Mann hinter der Mannschaft. Nein das ganze Rund bildete eine Nordkurve. Der Euphorierausch hielt für etwa 30 Minuten. Eine Lautstärke, die das NiedersachsenstAWDion selten erlebt hat. Und der Aufschrei im Stadion beim Führungstreffer durch Jan “Außenrist” Schlaudraff war wohl seit dem aufstiegbringenden Tor eines gewissen Vladan Milovanovic gegen Tennis Borussia Berlin nicht mehr so laut. Man hatte das Gefühl eine Fliegerstaffel Jets rauscht über das Stadion gen Maschsee.

Nach zehn Minuten stellte sich zum ersten Mal Heiserkeit ein und man war froh, dass der Nebenmann sich einen Halben Nullprozentigen gegönnt hatte. Das Spiel flog dann vorbei. Es wurde gesungen, geschrien und geklatscht. Man ärgerte sich über die langen Bälle eines Pogatetz, man bemerkte die Probleme von Schulz oder Cherundolo. Und dennoch war man stolz auf dieses Team und dankbar dabei zu sein, selbst als der US-Nationalspieler einen haarsträubenden Fehlpass spielte und der Ausgleich für Totenstille im Stadion sorgte. Der Jubel der drei Dutzend Fans im Gästeblock war schließlich nicht zu hören.

Sevilla spielte in den folgenden Minuten auf  Zeit. In der ersten Halbzeit! Das hat man auch noch nicht gesehen und gehörte folgerichtig bestraft. Wiederum Schlaudraff übernahm das und sorgte dafür, dass die Mannschaft mit einem ordentlichen Lobgesang in die Kabine gehen durfte. Leider schaffte es die Stadionregie dieses Mal: Sie versaute diesen Moment mit der Einblendung von Werbefilmen, die die Zuschauer verstummen ließen.

Nach Wiederanpfiff weitere 48 Minuten Anspannung. Man hatte das Gefühl, das beide Mannschaften jederzeit einen Treffer erzielen könnten. Sevilla bestimmte überwiegend das Geschehen, 96 beherrschte aber die gefährliche Sturmreihe weitesgehend und hätte seine Kontermöglichkeiten besser ausspielen können. Beide Mannschaften verfügten dazu über guten Rückhalt im Tor. Der der Spanier zeichnete sich durch überragend Reflexe aus und schwächelte mit Abprallern. Der andere unterlief zwar einen Ball, überzeugte aber mit Paraden, gutem Stellungsspiel und Strafraumbeherrschung. Dazu verdiente er sich das Glück, das er bei einem Pfostentreffer in Halbzeit 1 gehabt hatte, durch einen wichtigen Ausflug aus dem Strafraum.

Zählbares war zwar nicht mehr zu vermerken, aber die Begrüßung des Nananananananana-Didier-Ya-Konans und die Huldigungen für Schlaudraff, Rausch und Schmiedebach bei ihren Auswechslungen zeigten noch einmal die Wertschätzung für dieses Team. Auch nach dem Abpfiff hätten die Begeisterten sicherlich ihre Lieblingsmannschaft ausgiebig gefeiert, aber wiederum die Stadionregie brachte mit einem Werbeblock die geeinten Roten zum Schweigen.

Das war peinlich und ärgerlich, weil dadurch viele gen Ausgang strömten. Dennoch wurde die Mannschaft zu den Klängen von “Won´t forget theses days” abgefeiert und beim Abspielen der “Alten Liebe” bemerkte dann doch noch jemand wie unpassend die Wahl des schönsten Vereinsliedes der Welt für den Moment war.

Der Ärger war schnell verflogen und man war froh über das Erlebte. Es ist halt kein Alltag für den gemeinen 96-Fan und deshalb umso wertvoller. Die Glücksgefühle konnte dann auch nicht das Unwetter über Hannover vertreiben. Sie halten bis heute an.

P.S.: “Man” ist in diesem Text auch der Autor dieses Blogs. Er freut sich riesig auf die kommenden Spiele in Hannover am Sonntag und am Donnerstag in Sevilla.

Klickwerte Links:

In der Mediathek des ZDF gibt es das komplette Spiel zum Immerwiederanschauen.

Florian Fiene schreibt in seinem Blog “Fußball von unten” wie er das Spiel in Chile erlebt hat.

Zeuge Hannovas: Festtage an der Leine und an da Lusien

Donnerstag Abend. Heimspiel in Hannover. Ausverkauftes Niedersachsenstadion.

Alkoholfreies Bier. Keine Stehplätze. Aber das ist egal, denn Hannover 96 wird zur Hymne der UEFA Europa League den Rasen betreten.

Das wird dann der Moment sein, von dem ich in der berauschenden vergangenen Saison geträumt habe. Nun gut, das mit der Hymne war eher eine Spinnerei als 96 noch im Zweikampf mit Bayern München um Platz 3 steckte, aber ich bin froh, dass auch für die Europa League eigenes Liedgut komponiert wurde, um das Spiel mit feierlichem Rahmen einzuläuten.

Es ist schließlich ein großes Fest für die “Roten” mit den schwarz-weiß-grünen Fahnen. 19 lange Jahre ist es her, dass 96 im “Pokal der Pokalsieger” ausgerechnet (nie war diese überstrapazierte Kommentatorenvokabel berechtigter als in diesem Fall) auf den Titelverteidiger Werder Bremen traf, der sich dann knapp durchsetzte.

Zum Glück wäre ein solches Aufeinandertreffen heute nicht mehr möglich und 96 muss nicht in den Pott nach Gelsenkirchen reisen. Vielmehr erwartet man einen Gegner von internationalem Format. Der FC Sevilla ist zunächst zu Gast an der Leine und eine Woche später wird Andalusien seine schwarz-weiß-grüne Invasion erleben.

Trainer Ralf Rangnick feiert mit seinem Co-Trainer Mirko Slomka den Aufstieg in die Bundesliga.

Festtage an der Leine” hieß 2002 ein Buch über die Geschichte von Hannover 96. Damals feierte man in Hannover den Aufstieg in die 1.Liga – mit dem Co-Trainer Mirko Slomka. Wenn man jetzt auf die 10-Jahres-Tabelle der Bundesliga schaut, dann sieht man, dass 96 seit dem Aufstieg der einzige Aufsteiger in die höchste deutsche Spielklasse ist, der sich dauerhaft etablieren konnte.

Der Einzug in den Europapokal deshalb eine logische Folge? Mitnichten.  Zuviele Fans erinnern noch die beiden Jahre in der Regionalliga als man nach Delmenhorst, Herzlake oder Nordhorn musste. Zu lang war die 13 Jahre währende Erstligaabstinenz. Zu tief waren die Täler die man auch noch in der 1.Liga durchschritten hat. Zu schmerzhaft war der Abschied von Robert Enke, um jetzt so zu tun als ob die Qualifikation für das internationale Geschäft zu erwarten war.

Die letzte Saison war nach dem bitteren Ausscheiden im DFB-Pokal ein einziger Rausch. Die Mannschaft hat – getragen von euphorisierten Anhängern – einen nicht für möglich gehaltenen 4.Platz erreicht. Die beiden Spiele gegen Sevilla sind deshalb der verdiente Lohn für eine Mannschaft, die an 34 Spieltagen alles gegeben hat und allen Unkenrufen zum Trotz überragendes geleistet hat. Und es ist auch der Lohn für ein Publikum, das in den bittersten Stunden des Vereins immer hinter der Mannschaft stand, um mit über 10.000 Roten in Bochum den Abstieg zu verhindern.

* * *

Heute Abend wird im Stadion keiner an die Fünfjahreswertung denken. Die allerwenigsten werden böse sein, wenn sich kein fußballerischer Leckerbissen entwickelt. Und keiner wird seine Karte für das Rückspiel zurückgeben, wenn das Hinspiel schlecht verlaufen wird.

Hannover 96 freut sich über einen – vielleicht allzu kurzen – Auftritt in der Europa League. Vielleicht ist in einer Woche schon alles vorbei und das Interesse am Zweitplatzierten der Bundesliga erlischt wieder. Aber was hoffentlich bleiben wird für die Spieler, die Verantwortlichen und die Fans von Hannover 96, das sind die Erinnerungen an Festtage an der Leine und in Andalusien.

Und wer weiß: vielleicht schaffen die Roten die Sensation und setzen sich gegen den spanischen Favoriten durch. Ich für meinen Teil bin vorsichtig optimistisch. Darauf ein “Oi! Oi! Eu!


 

Zeuge Hannovas: Saisonstart deluxe

Es sind ereignisreiche Zeiten für 96-Fans dieser Tage: Auftakt im DFB-Pokal, Auslosung für die Play-Offs zur Europa League, Bundesligastart gegen Hoffenheim und die Auslosung im DFB-Pokal – aber der Reihe nach:

Zum Auftakt gings nach Lübeck. Gegner war nicht etwa der VfB sondern Anker Wismar, deren Stadion nicht den Vorschriften des DFB entsprach. Mitgereisten bleibt von dem “Ausflug” vor allem eines in Erinnerung: die Hymne der Rot-Weißen.


Neben dem überaus ohrwurmtauglichen Vereinslied bleibt zum Spiel zu sagen, dass 96 nach zwei Jahren mit großem Deppenfaktor (Trier/Elversberg) endlich wieder in Runde 2 steht. Gegen den Oberligisten zeigte die Mannschaft keine Schwächen und überzeugte mit hervorragenden statistischen Werten: Laut opta hatte 96 81,3% Ballbesitz und 90 % der Pässe kamen an.Das schaffte nicht mal Schalke gegen Teningen.

Weitere Statistiken: drei Doppelpacks. Doppelt freuen durften sich Abdellaoue, Stindl und Stoppelkamp.

Besonders schön der Kommentar “die 96-Bank wie auf dem Parteitag”. Dazu eine schöne Choreo (THE TRIPLE IS OURS), die keinen Übermut sondern einen überaus selbstironischen Umgang mit der aktuellen Entwicklung von Hannover 96 zeigt. Das Schönste: 96 ist alles zuzutrauen – sogar ein Sieg gegen Mainz 05 im DFB-Pokal und ein Weiterkommen gegen den FC Sevilla.

Im DFB-Pokal trifft 96 zum ersten Mal seit 2007 (!) nicht in der 2.Runde auf Schalke 04. Natürlich wäre ein Heimspiel gegen Paderborn oder Ingolstadt rein vom Namen her einfacher gewesen, aber so wird das Stadion in Hannover gut gefüllt sein und vielleicht wird auch das Fernsehen sich einmal gegen eine Partie des FC Bayern (Audi-Cupp gegen Ingolstadt) und für eine nach der Tabelle (Vierter gegen Fünfter der letzten Saison) spannende Begegnung entscheiden.

Und auch die Play Off Spiele gegen Sevilla haben ihren Charme. Hier wäre ein Auswärtsspiel zum Auftakt schöner gewesen und auch die Gegner Prag, Brügge oder Alkmaar klingen bezwingbarer als der Tabellenfünfte der Primera Division. Dafür kann man sich auf eine ausverkaufte Europapokalpartie gegen einen namhaften Gegner mit Spielern wie Negredo, Kanoute oder Luis Fabiano freuen und muss nicht befürchten, dass in einem halbleeren Stadion gegen einen Verein aus der rumänischen Provinz eine Blamage droht.

Die Fans von 96 sind in heller Vorfreude und viele versuchen diese vielleicht einmalige Europapokalreise zu einem Erlebnis zu machen. Die Stadt in Spaniens Süden kann sich auf jeden Fall auf eine schwarz-weiß-grüne Invasion freuen und die Bar Ingrid wird gute Umsätze machen.

Hoffentlich handelt die spanische Polizei nicht so katastropahl wie beim Spiel der Dortmunder Borussia. Die Berichte über unbegründete Schlagstockeinsätze und merkwürdige Gerichtsverfahren sind abschreckend. Der Reisefreudigkeit der “Roten” wird das aber keinen Abbruch tun.

Genauso wenig wie die Unkenrufe mancher Fußballexperten bei der Mannschaft von Hannover 96 Eindruck machen. Die Mannschaft macht genau da weiter, wo sie in der letzten Saison aufgehört hat. Auch ohne Didier Ya Konan (Kandidat für den Titel “Torschützenkönig“) konnte die Mannschaft die Hoffenheimer Millionentruppe mit 2:1 besiegen.

Dass Jan Schlaudraff daran maßgeblichen Anteil hat ist eine tolle Randnotiz. Sein Freistoßtor wird sicherlich eine der frechsten Aktionen dieser Saison sein. Die Diskussionen rund um die Regelauslegung kann ich nur in Ansätzen verstehen. Die Argumentation von LizasWelt im Spox-Blog ist recht schlüssig: Kuriosum mit Kinhöfer

Kinhöfer hat also keinen Regelverstoß begangen; das Tor wurde durchaus korrekt erzielt. Aber die Körpersprache des Referees war in dieser Situation ausgesprochen irreführend, und das muss man dem Spielleiter ankreiden. Denn das für alle sichtbare Hochhalten der Pfeife konnte nur als das in der Regel 13 niedergeschriebene “unmissverständliche Zeichen” für eine Blockade der Spielfortsetzung betrachtet werden.

Kann man so sehen, muss man aber nicht, denn Tom Starke zum Beispiel hat vor dem sky-Mikrofon zugegeben, dass er das Hochhalten der Pfeife gar nicht gesehen hat. Insgesamt folge ich eher der Argumentation von Christian Eichler von der FAZ: Frechheit siegt

Denn nach einem Freistoßpfiff ist nicht zwingend ein weiterer Pfiff vorgesehen, um das Spiel fortzusetzen – was gut ist fürs Spieltempo und gerecht für das ausführende Team, dem durch das Foul Angriffsfluss geraubt wurde.

Wer dieses geschriebene Fußballgesetz nicht kennt, sollte wenigstens ein ungeschriebenes beachten, das zwar nicht von der Fairness, aber vom Professionalismus diktiert ist. „Kein Hoffenheimer hat sich vor den Ball gestellt“, freute sich Schlaudraff, dem in seinem Team genau diese Aufgabe bei Freistößen des Gegners zugewiesen ist. „Die haben geschlafen.“

Diese Sichtweise vertritt übrigens auch der Ex-FIFA-Schiedsrichter Hellmut Krug. FAZ-Autor Eichler konnte sich in diesem Zusammenhang auch an ein Tor von Thierry Henry erinnern:

Schlaudraff also so clever wie Henry in seinen besten Tagen. Nicht verwunderlich, dass 96 den Vertrag mit dem technisch besten Spieler der Roten verlängern will.

Auch der Rest der Truppe hat zum Auftakt überzeugt. Das war zwar nicht alles glänzend und Hoffenheim hat die zweite Halbzeit bestimmt, aber dennoch ist da ein Team zusammen, das jedem Gegner Probleme machen kann – und wird.

Hannover 96 also mit einem überaus gelungenen Start in die Saison und mit einer Saison vor Augen, die schon in den kommenden Wochen die ersten Highlights bereithält.