Warum wird St. Pauli nicht pädagogisch wertvoller bestraft?

Das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes hat den Bundesligisten FC St. Pauli im Einzelrichter-Verfahren nach Anklageerhebung durch den DFB-Kontrollausschuss jetzt tatsächlich dazu verdonnert, dass das nächste Heimspiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgetragen werden muss.

Grund ist „schuldhaftes Herbeiführen eines Spielabbruchs in Tateinheit mit mangelndem Schutz des Schiedsrichter-Assistenten“. Klar kann man dem Sportgerichtsvorsitzenden Hans E. Lorenz recht geben, wenn er sagt: „Die Verursachung eines Spielabbruchs stellt einen schweren Eingriff in das Spielgeschehen und den Wettbewerb dar und kann nur mit einer konsequenten Sanktion geahndet werden.“ Und auch, dass „die Sanktion auch aus generalpräventiven Gesichtspunkten erforderlich“ ist, ist richtig. Künftigen Rechtsverletzungen soll vorgebeugt werden, „um den Schutz individueller Rechtsgüter wie die körperliche Unversehrtheit von Spielern, Schiedsrichtern, Offiziellen und Zuschauern sowie die Aufrechterhaltung eines geordneten Spielbetriebs und Wettbewerbs“ zu gewährleisten.

Aber beugt man künftigen Rechtsverletzungen mit einem solchen Urteil wirklich vor? Wer kann denn garantieren, dass ein angetrunkener Fan zwei Wochen nach dem Vorfall nicht zum Becher greift und ihn in Richtung Spielfeld schleudert?

Man könnte dem nur durch zwei Maßnahmen entgegentreten:

  • Die Schiedsrichter werden durch Fangnetze abgeschirmt. Das wird natürlich dazu führen, dass Rund um das Spielfeld Netze aufgehängt werden müssten. Die Ligaspiele würden also in Volieren stattfinden. Bei den Stuttgarter Kickers gibt es ein solches Netz. Dort führte im DFB-Poaklspiel gegen Hertha BSC auch ein Becherwurf zum Spielabbruch. Das ist für den Fan im Stadion nicht schön, weil er durch ein Gitter schaut. Was den DFB aber vor einer solchen Maßnahme noch mehr abschrecken wird, sind die Fernsehbilder, die durch die Maschen sicherlich undeutlicher ausfallen würden. Ist also keine geeignete Maßnahme.
  • Zweite Möglichkeit könnte ein Verbot von Wurfinstrumenten sein. Es dürfte also niemand mehr etwas mit ins Stadion nehmen, was er/sie werfen kann. Die Folgen wären verheerend: Fahnen, Feuerzeuge, Kugelschreiber oder auch Kameras und Handys müssten draußen bleiben. Dazu dürften keine Würstchen mehr verkauft werden und auch die Ausgabe von Getränken wäre nicht möglich. Es sei denn man kann garantieren, dass die Käufer/inner ihr Konsumgut direkt an der Ausgabetheke verspeisen. All in all: nicht praktikabel. Der Sicherheitsdienst schafft es schließlich schon heute nicht Pyro und Co. aus dem Stadion zu verbannen. So lange nicht alle Zuschauer nackt ins Stadion kommen wird es immer Leute geben, die etwas Werfbares mitbringen.

Und weil es aus meiner Sicht nur diese beiden Maßnahmen gibt um hundertprozentige Sicherheit für die Offiziellen am Spielfeldrand zu garantieren bin ich der Meinung, dass das Sportgericht zu kurz gedacht hat. Natürlich will man ein Exempel statuieren, aber die Durchführung eines „Geisterspiels“ ist viel zu kurz gedacht.

Man trifft zwar den Verein St. Pauli (den man beim DFB natürlich eigentlich total super findet wie in der Pressemeldung betont wird: Darüber hinaus fügt Lorenz an: „Dem Sportgericht sind die Initiativen des FC St. Pauli bei der Förderung einer besonderen Fankultur bekannt. Diese werden durch das Urteil nicht infrage gestellt.“), aber wird man so einen Lernprozess bei den Zuschauern erreichen?

Vielleicht. Aber nach dem Geisterspiel wäre es wie mit der Atomenergie: Ein Restrisiko bleibt.

Deshalb sollte das Sportgericht pädagogischer vorgehen. Man sollte nicht einfach etwas verbieten (den Stadionbesuch) – das funktioniert schließlich schon bei Kleinkindern nicht und bei Ultras, Hools und Betrunkenen noch weniger.

Man sollte dem Zuschauer eher etwas wegnehmen, was er beim Fußball schauen vermisst.  Natürlich würde der Fan das Spiel gerne im Stadion schauen, aber das Fußballerlebnis bekommt er auch bei einem Geisterspiel: in seiner Kneipe. Man nimmt ihm wenig weg. Strafe für einen Nachmittag. Schnell vergessen.

Der Stadionbesucher ist da wie ein Autoschieber, der vor Gericht keine Angst vor einer weiteren Bewährungsstrafe hat. Das juckt ihn wenig, denn er kann ohne Probleme so weitermachen wie bisher. Nimmt man dem Kriminellen aber den Führerschein ab, dann kann er sich nicht mehr ohne Weiteres so bewegen wie zuvor. Denn fahren ohne Führerschein kann schnell zur Einfahrt hinter schwedische Gardinen führen. Man trifft den Ganoven an einer empfindlichen Stelle.

Nimmt man dem Fußballfan also den Stadiobesuch, so sucht er sich einfach eine kurze Ersatzbefriedigung und zwei Wochen später macht er so weiter als ob nichts gewesen wäre.

Nimmt man ihm aber für zwei, drei Spiele etwas, das er braucht, um ein Spiel durchzustehen oder um  das Spiel zu genießen, dann wird ein Denkprozess einsetzen.

Also, DFB: verbietet St.Pauli das Bier im Stadion und lasst auch keinen Angetrunkenen ins Stadion. Dann wird er sicherlich anfangen zu überlegen und beim nächsten Mal herzhaft zupacken, wenn der Vordermann zum Bierbecherwurf ausholt.

Auch Münz- und Feuerzeugwürfe könnten so vielleicht eingedämmt werden, wenn man in Zukunft einfach dazu übergeht konsequenter gegen die Werferei von den Rängen vorzugehen. Und nicht erst wieder dann, wenn ein Schiedsrichterassistent oder ein Torwart getroffen wird. Fliegt irgendwo etwas aufs Feld, dann gibt es die Woche drauf kein Bier im Stadion. Punkt.

Gegen die Entscheidung des Einzelrichters kann der FC St. Pauli bis nächsten Montag eine mündliche Verhandlung vor dem DFB-Sportgericht beantragen. Der Verein hat von diesem Recht – entgegen von Manager Schulte getätigter Äußerungen –  Gebrauch gemacht.

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