EM-Momente (VII): »Pourquoi moi?«

Daniel Nivel

Das Auftaktspiel der deutschen Nationalmannschaft wird vor allem wegen der spektakulären Rettungsaktion von Jérôme Boateng wegen des Tores von Bastian Schweinsteiger in Erinnerung bleiben. Vielleicht auch wegen einiger Handreichungen des Bundestrainers.

Einmal während des Spiels wurde aber auch ein Mann gezeigt, dessen Leben während der WM 1998 zerstört wurde. Er saß 18 Jahre später bei der EM 2016 auf Einladung des DFB auf der Tribüne und hatte etwas äußerst Würdevolles an sich, vielleicht vergleichbar mit dem Auftreten des ehemaligen Tagesthemen-Moderators und Frankreich-Korrespondenten Ulrich Wickert. Groß gewachsen, das Haar streng gescheitelt.

Neben dem Mann saß seine Frau, Laurette Nivel. In einer Dokumentation des NDR sagt sie: »Sie haben das Leben meines Mannes zerstört und unserer Familie endloses Leid zugefügt.«

Sie, das sind Männer aus Deutschland wie Markus W. Er wird später im Prozess über den Tag in Lens, an dem er mit anderen einen französischen Polizisten bewusstlos und blutig schlugen, sagen: »Es ist das Tier im Menschen, das erwacht. Wenn der Bann einmal gebrochen, dann ist es schwierig sich noch zu kontrollieren.« Ein anderer, Frank R., wird sich mit den Worten »Es war halt so als träte man gegen einen Fußball.« an das schicksalhafte Aufeinandertreffen mit Daniel Nivel erinnern.

Nivel ist 1998 Gendarm. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder. Nachdem er aus einem sechswöchigen Koma erwacht, kann er kaum riechen, sehen und sprechen. Er versucht zu lesen, Bilder zu erkennen. Wie ein Kind. Es bricht einem das Herz.

Nivels Sohn Nicolas erinnert sich an die Zeit, in der Nivel im Koma lag: »Wir dachten mein Vater müsste sterben und wir durften ihn nicht berühren. Das war furchtbar.«

Die Schuldigen an dieser furchtbaren Situation waren übermüdet, betrunken und ohne Ticket 1998 in Lens unterwegs gewesen. Ihre Gegner auf der Straße, die sich diese Deutschen aus Jugoslawien kommend erhofften, blieben an der Grenze hängen. Innerhalb von zwei Minuten zerstörten sie deshalb ein Leben. Das Bild des blutenden Gendarms auf einem Bordstein ist bis heute Zeugnis eines der schwärzesten Tage in der deutschen Fußballgeschichte. Wer erinnert sich noch an das 2:2 der deutschen Nationalmannschaft am selben Tag?

Mehrere Beschuldigte wurde zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Im NDR-Film sagt der Autor Boris Poscharsky zum Ende des Gerichtsprozesses: »Es wird Recht gesprochen. Gerechtigkeit gibt es nicht für Daniel Nivel.« Danach steht Nivel vor der Kamera und fragt, was sich jeder in seiner Situation fragen würde:

»Pourquoi moi?« Warum ich?

***

Eine Spurensuche der Welt am Sonntag 18 Jahre nach der Tat ergab, dass die Täter heute nicht mehr über den Angriff sprechen wollen. Sie finden keine Worte des Bedauerns. Sie wollen abschließen mit diesem Teil der Vergangenheit. Der Gewalt haben dennoch nicht alle Täter abgesprochen.

Führt man sich dieses Schicksal vor Augen, denkt man über die möglichen Konsequenzen einer zweiminütigen Kampfhandlung nach, so wird es noch unverständlicher, dass selbst Täter von 1998 nicht ohne Gewalt leben konnten und dass wir auch 2016 noch prügelnde Hooligans im Umfeld von Fußballturnieren finden.

Hier geht es zu EM-Moment V: »Countdown«.

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