Dat Leben vom „langen Arschloch“

Abseits is´ wenn dat lange Arschloch zu spät abspielt

Dieser Spruch, eines der berühmtesten deutschen Fußballzitate, stammt von Hennes Weisweiler, legendärer Trainer des FC Barcelona, des 1.FC Köln und von Borussia Mönchengladbach.

In seiner Gladbacher Zeit ließ er den Spruch fallen, weil ein junger Kicker namens Günter Netzer ihn wieder einmal zur Weißglut gebracht hatte.

Ich – Jahrgang 1980 – kenne Netzer eigentlich nur als Fußballkommentator, der neben Delling die Spiele der deutschen Nationalmannschaft bespricht.

Von seinen fußballerischen Fähigkeiten habe ich nur gehört bzw. Ausschnitte gesehen wie das sagenumwobene 2:1 im DFB-Pokalendspiel 1973. Auch deshalb habe ich Netzers Biographie aus dem Jahr 2004 gelesen:“Aus der Tiefe des Raumes – Mein Leben”
.

Das Buch liest sich stilistisch gesehen nicht besonders – es ist halt eine Fußballerbiographie: Die Sprachwahl ist etwas holprig und ungestüm – aber irgendwie erkennt man darin den Netzer, den man aus dem Fernsehen kennt. Das macht die Sprachwahl dann schon wieder amüsant.

Und er schreibt, wie es der Titel erwarten lässt, über sein Leben von Beginn an. Über die Jugend im zerbombten Mönchengladbach, die aus seiner Sicht aber eine gute war, weil Klein-Günter dank des Fußballs die Zerstörung gar nicht wahrnahm. Schon in seiner Jugend ist er ein begnadeter Kicker, der viele Tore für den 1.FC Mönchengladbach schießt.

Diese Tore hätten ihn beinahe nach Limoges oder zu Preußen Münster gebracht und ganz sicher hätte er bei Fortuna Düsseldorf unterschrieben – wenn denn der Präsident der Fortuna zur Vertragsunterzeichnung gekommen wäre.

Es sind Anekdoten wie diese, die das Buch für Fußballinteressierte lesenswert machen. So erfährt man, dass Lilo Weisweiler, die erste Frau des Gladbach Trainers, dafür verantwortlich ist, dass Gladbach heute noch in weiß spielt oder das Netzer seinen ersten Jaguar nach einem Jahr an Franz Beckenbauer verkaufen wollte. Der konnte ihn aber ebenso wenig steuern wie Wolfgang Overath, dem Netzer den Sportwagen danach angeboten hatte.

Es ist ein Einblick in eine Welt des Fußballs, die mit der aktuellen nicht vergleichbar ist, und mit Günter Netzer erzählt ein Spieler, der polarisierte – auch wenn er im Buch wiederholt schreibt, dass dies nicht seine Absicht war.

Netzer war schließlich der erste Fußballer, der auch den Weg in den Feuilleton fand. Die Ästhetik der weiten Pässe und die Visionen seines raumöffnenden Spiels werden gelobt und sind aus Sicht der Journalisten Aufbruch der Avantgarde auf dem Fußballplatz. Sätze wie in Stein gemeißelt.

Aber auch neben dem Platz bricht Netzer die Regeln auf: er übernimmt das Stadionmagazin „Fohlen Echo“ um seine Einnahmen zu erhöhen, entwickelt einen blauen Kängurulederschuh für Puma, spielt den Heino-Imitator in der Fernsehserie „Klimbim“ und eröffnet eine Bar und ein Nobelrestaurant in Mönchengladbach. Nicht alles erfolgreich, aber auch diese Rückschläge beschreibt Netzer ganz offen.

Er schreibt auch ganz offen, über das Pokalfinale 1973. Wie oben geschrieben: sagenumwoben. Man kennt die Geschichte, dass Netzer nicht spielen sollte, weil er seinen Wechsel zu Real Madrid verkündet hatte. Aber das kurz vor dem Spiel Netzers Mutter gestorben war, war mir neu. Das lässt Weisweiler natürlich in einem noch schlechteren Licht stehen. Netzer deutet das Verhalten des Trainers deshalb auch als letzten Machtkampf, in dem Weisweiler ganz populistisch seine Rachegelüste ausleben wollte. Netzer will die Mannschaft  sogar vor dem Spiel verlassen, wird aber von Vogts und Heynckes umgestimmt und setzt sich auf die Bank.

Während des Spiels ruft das ganze Rheinstadion nach Netzer.

In der Halbzeit sagt Weisweiler schließlich: „Netzer! Sie spielen jetzt!“. Der aber hat ein sehr gutes Spiel seiner Mannschaftskameraden gesehen und erwidert: „Ich? Nein wirklich nicht. Ich kann Ihnen in diesem Spiel nicht helfen. Besser geht es auch mit mir nicht.“

Erst zur Verlängerung will er spielen, weil ein Mitspieler völlig ausgepumpt ist. Zum Trainer sagt er nur „Ich spiele jetzt“ und kurz nach Wiederanpfiff gelingt ein Doppelpass mit Rainer Bonhof, Netzer erwischt den Ball danach „völlig falsch“ und schießt das Tor des Jahres.

Er wird danach zum zweiten Mal zum Spieler des Jahres gewählt und geht nach Madrid und später nach Zürich.

Auch auf diesem Weg Anekdoten en masse. So wäre Netzer auch zum FC Barcelona gegangen, wenn der neue Trainer Rinus Michels nicht auf Johan Cruyff hätte warten wollen. Netzer verhandelte dann selbst sein Gehalt und auch die Ablösesumme, die Gladbach bekam. Heute unvorstellbar.

In Madrid kennt Netzer zu Beginn aufgrund der Sprachbarriere wenige Leute, weshalb er auch hier seine Fluchten sucht und findet. Die spektakulärste führt ihn nach Las Vegas, wo er mit dem Rat Pack am Tisch sitzt und Frank Sinatra ihm Karten für ein Elvis Presley Konzert besorgt.

Während der Trip nach Las Vegas relativ ausführlich beschrieben wird, sind die Geschichten aus der Nationalmannschaft relativ kurz. Netzer schreibt etwas ausführlicher über die EM 72 und kürzer über die WM 74. 72 war er der Spielgestalter und spielte in einem der besten deutschen Teams überhaupt mit Maier, Beckenbauer, Müller und Co. 74 setzte Schön auf Overath, wechselte Netzer nur gegen die DDR ein: wenige Minuten vor dem Sparwasser-Tor.

Deshalb schreibt Netzer auch: „ Europameister bin ich geworden. Weltmeister nie.“

Nach drei Jahren Madrid und einem Jahr Zürich ist die Karriere dann vorbei. Mehr oder weniger zufällig wird er Manager beim HSV – eigentlich wollte er nur das Stadionmagazin übernehmene – und ist dort wichtiger Teil einer Erfolgsgeschichte mit Meisterschaften und dem Europapokalsieg der Landesmeister für den Hamburger Sportverein. Happel, Hrubesch und Hartwig hat Netzer geholt, doch nach acht Jahren verlässt er das Sportgeschäft. Der Rest des Buches behandelt dann noch einige wenige private Einblick, die im ganzen Buch nur sehr zaghaft sind. So werden Affären angedeutet, aber nie näher beschrieben. Und auch der Verlust des zweiten Kindes vor der Geburt wird nur in wenigen Sätzen besprochen.

Dazu behandelt das letzte Kapitel noch die Tätigkeit als Rechtevermarkter und beschreibt die alkoholgeschwängerte Anfangszeit in dieser noch jungen Branche. Zum Abschluss geht Netzer noch auf seine Tätigkeiten als Fernsehkommentator für RTL und ARD ein und lobt seinen Freund Gerhard Delling.

Und dank einer Dellingschen Überleitung lobe ich an dieser Stelle gern das Buch für Leute, die sich an Fußballanekdoten erfreuen können. Für den Laien liest sich das Buch sicherlich zäh, aber wer gern mehr über den Fußballer Günter Netzer auf und neben dem Platz erfahren möchte, der wird das Buch verschlingen.

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